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Tag 3 - Eltern, hört ihr die Rotoren

"Liebe Eltern, 

gönnen Sie Ihren Kindern 5 Minuten Bewegung, fische Luft, Kontakt mit Mitschülern, Selbstständigkeit.....und das schon vor Unterrichtsbeginn......"

Das ist der Anfang eines Flugblatts, das mir eine freundliche, ältere Dame heute Morgen gab, als ich meine Tochter auf dem Parkplatz der Schule absetzte. Ja, ich habe sie dort abgesetzt. Und ja, ich habe in der Einleitung geschrieben, dass ich extra in die Nähe der Schule gezogen bin, damit mein Töchterchen alleine zu Schule gehen kann.....

Und hiermit oute ich mich: Wenn nicht gerade die Sonne scheint, meine Tochter freiwillig früher aufgestanden ist und ich nicht einen besonders guten Tag hatte, ist sie kaum mit dem Rad die 800 Meter zur Schule gefahren. Und gleichzeitig rege ich mich darüber auf, dass morgens genau gegenüber der T5 mit laufendem Motor auf die Tochter der vierten Klasse wartet, um sie auf den letzten Drücker zur Schule zu bringen. Dabei bin ich kein Stück besser!

Wie war das denn bei mir? Fünfte Klasse? Da ging es mit meinem Nachbarn Markus gemeinsam mit dem Rad oder bei doofen Wetter zu Fuß zur Schule. Und der Weg war deutlich länger. Ich wäre nie auf die Idee gekommen meine Eltern zu fragen, ob sie mich fahren. Wie auch? Es gab nur ein Auto. Und hat es mir geschadet? Wohl kaum. Ich erinnere mich noch dunkel an den einen Tag, als uns ein Mitschüler völlig aufgeregt eine Aldi Tüte mit "Schmuddelheften" unter den Büschen gezeigt hat. Und an die unzähligen Klingelstreiche, die wir immer und immer wieder gemacht haben. Der Weg zur Schule war ein Abenteuer, der Weg wieder nach Hause war die Zeit um sich zu verabreden, sich zu streiten, Kräfte zu messen, die Natur zu erleben. 

Und warum nehmen wir unseren Kindern diese Möglichkeiten? 

Ich für mich kann sagen, dass es sich im Laufe der Jahre entwickelt hat. Die Mutter meiner Tochter wohnt in einem Vorort. Das sind 20 Minuten mit dem Auto bis in die Schule und daher wird unsere Tochter im Normalfall gefahren. Und es vergeht kaum ein Jahr in dem mir die Kosten für den Weg zur Schule nicht aufs Butterbrot geschmiert werden. Und jetzt komme ich und weigere mich die kurze Strecke zur Schule zu fahren? Echt jetzt? Wie erklärt man das seiner Tochter? Wie erklärt man das der "engagierten Mutter" oder gar dem Jugendamt? 800 Meter zur Schule mit 11. Das geht ja mal gar nicht, oder?!?

 

Okay, das Jugendamt wird sich sicher nicht melden. Aber wie schafft man es, dass man als Vater nicht den Eindruck entstehen läßt, die eigene Tochter wäre einem nicht wichtig? Denn darum geht es! Es geht um das "schlechte Gewissen", dass man selber hat. Es geht darum, nicht "schlechter" zu sein als die Mutter, nicht fauler oder egoistischer. Denn der ungesunde Wettbewerb zwischen getrennten Eltern startet schon beim Weg zur Schule. Und ich selber bin der Richter, der mein Handeln beurteilt und verurteilt. Und in dem Falle wirklich nur ich.

Auch damit müssen wir Väter erst umzugehen lernen, damit, dass wir nicht Gefahr laufen sollten, alles besser zu machen. Oder wir machen es gerade besser, indem wir unseren Kindern das Vertrauen und die Freiheit schenken und den Hubschrauber mal auf dem Landeplatz lassen. Ich für meinen Teil habe heute das Rad meiner Tochter gecheckt, Luft aufgepumpt und lass morgen meinen Wagen stehen. Auch wenn es regnet. Weil ich ihr diese Zeit schenke. Und weil ich ihr als Vater das Vertrauen und die Freiheit schenke. Und ihr?

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