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Tag 10 - Patchworkvater´s Geburtstag oder "life goes on"

 

Ja, heute ist mein Geburtstag. Viele haben mir gratuliert. Ob über WhatsApp oder Facebook oder telefonisch. Und ich habe bemerkt, wie ich mich wirklich über jedes „Happy Birthday“ gefreut habe. Ich selber gehörte bisher zu den Menschen, die ständig bei Facebook die Glückwünsche in die Chronik schrieb. Einfach weil ich dachte, dass es eh untergeht und irgendwie unpersönlich und „wertlos“ ist. Ich habe mir aber heute vorgenommen, es wieder öfter zu tun. Es schüttet doch das eine oder andere Glückshormon aus, wenn man merkt, dass sich andere zumindest die Mühe gemacht haben, zwei Worte zu tippen. Also warum diese Glückshormone nicht auch für alle anderen?

 

Aber wie verbringt man nun als Patchworkvater seinen Geburtstag? Ich habe ja momentan frei und meine Lütte ist bis Ostern bei mir. Ehrliche Antwort: Nicht so, wie ich ihn verbringen wollte. Und auch das zeigt, dass Patchwork wirklich harte Arbeit ist und man ständig Verständnis für den anderen Partner haben muss und seine eigenen Bedürfnisse einmal mehr in die zweite Reihe stellen sollte. Warum? Weil es immer anders kommt, als man denkt.

 

Wir hatten den Tag eigentlich sehr schön geplant. Wir wollten Mittags zusammen kindgerecht Burger essen gehen, dann „Neon-Golf“ spielen und den Nachmittag bei Kaffee und Kuchen bei mir zu Hause ausklingen lassen. Soll heißen: Entertainment, das den Kindern gefällt aber nur so lange zusammen bleiben, dass es nicht am Ende doch wieder Ärger und Knatsch gibt. Denn gerade an so einem Tag, möchte man ja nicht mit Ärger und Gezicke auseinander gehen. Am Ende lief es dann aber ganz anders, da sich 2/5 unserer Patchworkbande im Krankenhaus aufhalten……

Seit gestern ist der Kleine meiner Frau zur Beobachtung dort und somit sie auch. Verschleppte Grippe oder sowas. Immer wieder heftiges Fieber, fast 2 Wochen kaum was gegessen. Da hat die Kinderärztin die Notbremse gezogen. Ausgerechnet gestern. Und da erkennt man schon die ersten Probleme einer Patchworkkonstellation mit getrennten Wohnsitzen: Wer kümmert sich um den großen Bruder? Okay, er kam erstmal zu den Großeltern. Aber konnte ich meine Frau ins Krankenhaus bringen? Nein. Denn ich war ja hier mit meiner Tochter am Kuchen backen. Zwei Wohnsitze, zwei Betreuungssituationen. Klingt doof, ist es auch! Man ist zusammen und trotzdem getrennt. Man will für den anderen da sein und kann es nicht. Nur aus der Ferne.

Natürlich ist das alles nur ein Probleme, weil wir noch nicht zusammen wohnen. Natürlich könnte man das Problem lösen, indem man sich eine gemeinsame Wohnung sucht. Aber wenn die Chemie nicht bei allen fünf Beteiligten dabei stimmt, leiden die Kinder darunter und am Ende leidet darunter die Beziehung. Kein Elternteil würde am Ende, wenn er oder sie sieht, dass das eigene Kind leidet oder sogar weniger Zeit beim Elternteil bleiben möchte nicht die Schuld bei der „neuen Familie“ suchen. Und ich bin sicher, dass diese Belastung für viele Patchworkfamilien zu groß ist. Ein „meinem Kind geht es schlecht, weil wir zusammen sind“ brennt sich meiner Meinung nach in die Köpfe aller Beteiligten ein und belastet alles zu sehr. Viele haben mir geraten „ihr müsst euch eine gemeinsame Wohnung suchen“. Und recht haben sie. Aber ich glaube, viele würden so handeln wie wir, wenn sie in unserer Situation wären. Aber ich schweife ab.

 

Somit verlief der Geburtstag ganz anders: Früher los, den großen Bonus-Sohn abholen, Burger essen, Oma und Opa begrüssen, die zum Neon-Golf nachträglich eingeladen wurden, dann zum Kaffee und Kuchen nach Hause und schließlich den Abend mit zwei von drei Kindern auf dem Sofa verbringen und Fußball gucken…..und währenddessen den Kontakt über WhatsApp mit der eigenen Frau halten. Ein Besuch im Krankenhaus war da heute gar nicht drin. Mal abgesehen davon, dass ein Besuch im Zweifel am Ende als Grund heran gezogen werden könnte, wenn mein Töchterchen in 2 Wochen plötzlich hustet und niest. Und dieses geradezu „lebensbedrohliche Risiko“ wollten wir dann doch nicht eingehen und dem Jugendamt die unnötige Arbeit ersparen.

 

Und jetzt liegen alle im Bett bzw, der Große im Wohnzimmer auf dem Sofa, der Regen tropft auf die Dachflächenfenster und der Geburtstag ist rum. Kinderinteressen vertreten? Check! Die eigenen Eltern mal zu Hause rausgeholt? Check! Seine eigene Partnerin gesehen und gedrückt? Nope! Einfach weil es so in den Tag nicht hinein passte. Aus vielen Gründen. Weil man das Risiko nicht eingehen will, dass es ein Nachspiel in welcher Form auch immer hat. Weil man ständig den Spagat macht. Vater sein und für die eigene Tochter sorgen. Väterlicher Freund sein und seinen Bonus-Sohn dabei haben, wenn Geburtstag gefeiert wird. Sich nicht angreifbar machen gegenüber der Mutter der eigenen Tochter. Partner sein…..leider heute zu wenig. Die eigenen Bedürfnisse nach  „erwachsener“ Nähe, Wärme und Liebe hinten angestellt. 

Wir sind halt Eltern. Wir haben die Verantwortung für unsere Kindern übernommen. Das ist Verantwortung, Pflicht und eine wahnsinnig große Ehre. Und wir haben uns entschlossen, nicht mehr mit dem anderen Elternteil unserer Kinder zusammen zu sein. Mehr oder weniger aktiv entschieden, sollte ich ergänzen. Und jetzt leben wir das Patchworkleben mit allen Höhen und Tiefen. Und ganz kurz: Das Bild der getrennten Väter, die keinen Unterhalt zahlen und ihre Midlife-Crisis in den Betten von vielen jüngeren „Nicht-Müttern“ therapieren, kann ich an der Stelle nicht bestätigen. Auch wir Väter leben den Kompromiss. Auch wir Väter sind verantwortungsvoll in der Lebensführung unseren Kindern gegenüber. Und ich glaube, wir Väter machen den Spagat zwischen der „neuen Familie“ und den „leiblichen Kindern“ noch viel ausgeprägter als es die Mütter oftmals tun müssen. Das sollte bei allem nicht vergessen werden. Und ich will nochmal die These in den Raum werfen, dass dies ein Grund ist, warum manche Väter sich irgendwann auf ein Minimum an Kontakt zur „alten Familie“ beschränken. Weil der Spagat einen im wahrsten Sinne des Wortes zerreißen kann, wenn man sich als Vater dafür entscheidet, mehr zu sein als „nur“ Wochenendaddy.

 

 

Und morgen, ja morgen können wir vielleicht aus den 3/5 wieder ein 5/5 machen für ein bis zwei Stunden. Und ich hole mir mein Geschenk ab. Den Blick in die Augen meiner Frau als Lohn für den Spagat……

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