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Tag 17 - Patchwork bedeutet auch oft zwei völlig unterschiedliche Sichtweisen

Das war heute mal wieder eine wichtige Erinnerung daran. In einer Patchworkwelt zu leben, bedeutet auch immer mal die Sichtweise des Partners zu verstehen und zu akzeptieren, dass diese zwangsläufig anders ist als die eigene. Das ist zwar in einer „intakten Familie“ sicher auch so, denn jeder lebt ja weiter sein Leben und es gibt ja nicht zwangsläufig eine Symbiose aus den beiden Partnern aber in der Patchworkwelt ist es einfach oftmals noch extremer.

 

Ich, als Patchworkvater, kämpfe um jeden Tag mit meiner Tochter. Denn Tochterzeit ist ein knappes und begrenztes Gut. Durch die Trennung wurde mir die Möglichkeit genommen, so viel Zeit mir ihr zu verbringen wie ich möchte und der Job es zuläßt. Ich denke, außer über die Begrenzung durch die Arbeit habe ich mir damals keine Gedanken gemacht, wieviel Zeit ich mit ihr verbringe. Ich war da, ich habe sogar ein Jahr Teilzeit gearbeitet, um bei ihr zu sein. Einfach weil es meine Interpretation der Vaterrolle ist. Weil mir im Leben niemand die Kindheit meiner Tochter wieder geben kann.

 

Und nach der Trennung? Erstmal nur die Wochenenden. Von Freitag bis Sonntag. Am Anfang noch bei meinen Eltern im Keller. Ohne eigenes zu Hause. Später dann in der eigenen Wohnung dann auch manchmal mehr. Und die Zeit war mir heilig. Denn auch wenn es nie wirklich ernsthaft Thema war, hatte ich doch Angst vor dem totalen Verlust der Zeit mir ihr. Man hört ja oft genug, dass die Trennung eines Paares auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird. Und als Vater sitzt man einfach am kürzeren Hebel. Die Angst ist also immer da. 

Und dann die Angst vor der Entfremdung. Die kann man beim besten Willen nicht wegdiskutieren. Man sieht sich nur noch alle zwei Wochen. Am Anfang habe ich noch fast jeden Tag mit meiner Tochter telefoniert und ihr vorgelesen. Einfach um „da“ zu sein. Das war sicher auch nicht richtig und gut. Wir haben es dann auf Grund eines professionellen Rates auch gelassen und irgendwann auf 2x pro Woche eingeschränkt. Aber die Verlustangst war halt einfach so groß. Ja, meine Verlustangst mein Kind zu verlieren! Und diese Angst kann nur nachempfinden, der selber einmal in einer ähnlichen Situation war. Nur dann weiß man, wie sehr es einem das Herz zerreisst. Kitschig, ich weiß. Aber es ist so!

 

Aber es geht hier heute um die unterschiedlichen Sichtweisen. Meine Frau zum Beispiel, hat ihre Jungs fast 2 Wochen am Stück bei sich. Ich kann mich nicht in diese Situation rein versetzen aber ich weiß, dass dort vor allem auch die kinderfreien Wochenende heilig sind. Ich habe darüber ja schonmal geschrieben, weil sie uns heilig sind für unsere Beziehung. 

Ich kann mir nur in Ansätzen vorstellen, wie es ist, wenn man plötzlich die gesamte Verantwortung mehr oder weniger alleine trägt, wenn man plötzlich 12 Tage am Stück keine wirkliche freie Minute hat. Ich denke, dass da auch Verlustangst aufkommt. Aber eher die Angst, sich selber zu verlieren. Aber auch diese Angst ist fürchterlich.

 

Und diese beiden Ängste sollen jetzt in einer Beziehung zusammen funktionieren? Ne, ist klar. Zwangsläufig kommt es zu Handlungen des Partners, die man schwer nachvollziehen kann. Zwangsläufig kommt es zu Situationen, in denen man als Vater dankbar für „mehr Zeit“ mit dem Kind seiner Partnerin vor den Kopf stößt. Und zwangsläufig kann man damit nur eine Beziehung führen, wenn man sich das immer wieder vor Augen führt. Ein Partner freut sich über jede Minute mehr mit seinem Kind und trägt die Reste der Verlustangst in sich, der andere Partner ist dankbar und froh, einmal eine Minute die Verantwortung abgeben zu können und durchzuatmen.

Und vor allem: Beide haben vollkommen Recht und jeder würde vermutlich in dieser Situation so handeln. Doch im Alltag vergisst man es einfach viel zu schnell. Auch ich.

 

 

Und gerade heute ist es mal wieder passiert. Deswegen setze ich mich wieder damit auseinander. Es ist für mich überhaupt kein neuer Gedanke. Ich habe das früh für mich erkannt. Aber ich vergesse es einfach doch oder es geht im Alltag unter….diese zwei Sichtweisen…..diese zwei unterschiedlichen Ängste….die trotzdem zusammen glücklich sein können….wenn sie einander sehen und verstehen.

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Kommentare: 1
  • #1

    Kumjana (Montag, 18 Juni 2018 15:39)

    Dein Blog ist sehr sehr interessant. Vielen Dank für deine Offenheit. Deine Beiträge zu lesen hilft mir etwas meinen Partner besser mit seiner Verlustangst zu verstehen. Er hat 3 Söhne (10, 12 14).
    Seine Ex-Frau hat ihn nach einigen Warnungen verlassen, weil sie sich als Partnerin nicht genug von ihm wahrgenommen fühlte und die Partnerschaft zu wenig gelebt wurde.
    Mein Partner und seine Ex-Frau waren und sind weiterhin ein gutes Team als Eltern ihrer gemeinsamen Kinder.
    Er sieht seine Kinder im Wechselmodell jede zweite Woche ganz, inklusive jedes zweite Wochenende. Er wohnt 1km von ihnen entfernt, so dass seine Kinder auch in "seiner" Woche die gleichen Schulwege und das gleiche Netzwerk behalten und er bei Bedarf zur Stelle sein kann. Die Hälfte der Ferien hat er seine Kinder.
    Seine Ex-Frau war und ist mit diesem Wechselmodell einverstanden, möchte es auch selbst so und kritisiert ihn auch nicht als Vater.
    Vor der Trennung war die Arbeitsteilung mit den Kindern, dass er morgens und sie abends für die Kinder verantwortlich war. Aber auch schon damals 50/50. Beide arbeiten voll.

    Die Kinder haben sich gut im neuen Zuhause eingelebt und kommen seit über einem Jahr sehr gerne.
    Er selbst sagt, dass er jetzt seine Kinder in "seiner" Woche viel bewusster erlebt und näher an ihnen dran ist.
    Das gleiche Feedback bekommt er von seinen Kindern. Bei seiner Exfrau klappt es so auch gut.

    Dennoch hat mein Partner ständig Angst seine Kinder zu verlieren.

    Ich verstehe seine Angst nicht.
    Er hat doch seine Ehefrau verloren und nicht seine Kinder. Seine Exfrau hat auch gar kein Interesse daran ihm deren gemeinsame Kinder weg zu nehmen. Es geht doch darum, dass er seine Partnerin verloren hat und nicht das Vatersein.
    Wieso fühlt sich das so für ihn an?

    Vielleicht kannst du das besser erläutern?