· 

Tag 25 -Neuer Job und Kleider machen Leute! Leider!

Hier war es von meiner Seite in den letzten Wochen etwas ruhiger. Das liegt daran, dass ich mich nach einer kleiner Orientierungsphase beruflich neu aufgestellt habe. Und wie es so mit einem neuen Job ist: Da muss man anfangs etwas mehr Zeit und Energie rein stecken. Daher seht es mir nach, bitte.

Neuer Job klingt erstmal geil. Ist es auch! Und als ehemaliger Banker finde ich es gerade in diesem Jahrhundertfrühling (den Klimawandel gibt es natürlich weiterhin nicht in echt) sehr angenehm, nicht mehr Anzug und Krawatte tragen zu müssen. Diese „Uniform“ hat momentan ausgedient. Und das Leben wird wirklich irgendwie entspannen und lockerer, wenn man in kurzen Hose zur Arbeit fahren kann. Ja, den Aufschrei der Damenwelt über „haarige Männerbeine“ kann ich schon jetzt hören. Aber da komme ich mit klar. Wenn ihr wüsstet, was wir Männer manchmal sehen müssen….

 

Ich habe aber auch schon die Schattenseite der neuen Kleiderordnung kennen gelernt. Ich war letzte Woche mal eben schnell mit 3 Wochen Wartezeit bei dem BMW Händler meines Vertrauens, da mein Clubby seltsame Geräusche macht. Und das Ergebnis war ernüchternd. Nicht nur, dass einem in diesem „Premium-Kleinwagen-Segment“ geraten wird, einen Holzkeil zu nutzen und einfach mal ein wenig selber zu schrauben, nein, man wird auch deutlich weniger ernst genommen, wenn man da morgens mit abgeschnittener Jeans in den Luxusbau kommt. Noch vor einem halben Jahr wurde mir beim Warten quasi in 2 minütigen Abständen ein Kaffee angeboten. Aber da hatte ich ja auch den Blaumann mit Nadelstreifen an.

 

Eigentlich sollte es mich nicht mehr wundern, da ich ja dieses Klischee seit über 20 Jahren mitmache. Aber es hat mich diesmal echt getroffen, wie weniger ernst und weniger „wertvoll“ man als Nicht-Anzugträger bewertet wird. Und ich bin doch noch immer der gleiche Mann wie vor 6 Monaten.  Und der Kontostand ist auch ein ähnlicher. Nur, dass ich jetzt weniger Geld für Reinigung und Anzüge ausgeben muss.

 

Achtet ihr darauf, wie das bei euch im Alltag ist? Und überlegt ihr euch bewusst, was ihr euren Kindern  mitgeben wollt? Sagt man eher: „Zieh Dich vernünftig an, denn dann kommst Du im Leben weiter“ oder „Es ist egal was du trägst. Es geht darum was du kannst und nicht was dein Schneider konnte!“ 

Unsere Kinder sind doch so schon genug verunsichert, weil sie ständig zwischen der einen Welt und der anderen Welt hin und her wechseln müssen. Wir haben ihnen das klassische Elternhaus genommen und fordern sie, indem wir mehr Flexibilität und Anpassbarkeit erwarten. Und was gibt man ihnen jetzt zur Kleiderordnung mit?

Ich gebe zu, dass ich da bisher sehr pragmatisch war. Da sie eh schnell rauswachsen, muss auf den Klamotten kein Polo spielender Reiter drauf sein. Auf gar keinen Fall. Und gerade wenn man für die schnell wachsenden Kinder auch noch eine doppelte Kleiderausstattung kauft, wird das schnell echt teuer. Und eigentlich muss es Ihnen ja nur gefallen, oder?!?

Aber wie geht man damit um, wenn man merkt, dass selbst ein Mensch, der sein weißes Hemd auch nur trägt, weil es von BMW vorgeschrieben und gestellt ist und der selber vermutlich vorher oft genug ölig, schwarze Hände mit nach Hause gebracht har und den Blaumann ohne Nadelstreifen als praktische und kleidsame Lösung getragen hat plötzlich den leicht angegrauten Banker mit guter Ausdrucksfähigkeit nicht mehr ernst nimmt, weil er eine kurze Hose trägt? 

 

Ihr merkt, dass das bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Danke BMW! Aber dass das ganze auch Auswirkungen auf meiner Gedanken zur Erziehung hat, ist mir erst gerade beim Tippen aufgefallen.

Wie kann man die Kinder da prägen? Wie kann man ihnen wirklich vorleben, dass es nicht auf die Uniform an kommt? Und stellt man sie damit vielleicht in unserer Gesellschaft auf ein Abstellgleis, weil die anderen Eltern ihnen nicht diesen Gedanken mitgeben, dass Können wichtiger ist als Kleidung?

Und wenn ich mich da in der Schule meiner Tochter umsehe, stelle ich fest, dass dieses Markendenken durchaus langsam dort ankommt. Und es ist eine Waldorfschule!

 

Es fühlt sich für mich gerade so an, wie die Erfahrung als WhatsApp damals von Facebook gekauft wurde. Ich hatte den Gedankens, dass ich dort nicht mehr bleiben will. Ich habe mir alternative Messanger runter geladen. Ich habe WhatsApp für einige Zeit boykottiert. Aber am Ende musste ich feststellen, dass ich isoliert war, weil die träge Maße bei WhatsApp geblieben ist. Das Ergebnis könnt ihr euch denken: Ich nutze WhatsApp mehr als damals.

 

Wie ist es jetzt mit der „Kleiderordnung“? Wie ist es, wenn man seiner Kinder aus dem „Mainstream“ rausnimmt? Kann man das überhaupt? Oder kommt durch die Schule und Freunde dann am Ende doch wieder die Herren Nike und Superdry ins Haus? Und wenn nicht über die Schule, dann doch über die „Influenzer“ bei Youtube! Und nimmt man ihnen vielleicht sogar Chancen, weil sie in der Zukunft vielleicht weniger Anerkennung erhalten, nur weil sie sich nicht uniformieren? Oder kommt man am Ende nicht an der alten Weisheit vorbei, dass Kleider nunmal Leute machen? Auch schon vor Instagram und Youtube?

 

 

Vermutlich habe ich da gerade wieder in ein Wespennest gestossen. Denn ich denke, dass gerade dieses Thema auch extrem kontrovers diskutiert werden wird. Aber dafür bin ich ja da ;-) Daher „Feuer frei“ für Eure Kommentare. Ich bin gespannt.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0