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Tag 26 - Das Ende des Wechselmodells und das Wechselbad der Gefühle

Ich hatte ja berichtet, dass wir das Wechselmodell für mein Töchterchen mal ausprobiert haben. Heute will ich euch davon berichten, warum der Test am Ende gescheitert ist und was für neue Erkenntnisse mir der Test gebracht har.

 

Ich hatte ja unfreiwillig einfach gute Voraussetzungen für die Durchführung des Tests. Ich war plötzlich in der beruflichen Neuorientierungsphase oder wie man es auch sagen könnte: Ich war arbeitslos. Punkt. Also zu Hause und mit der Recherche offener Stellen beschäftigt und damit, ständig neue Bewerbungen zu schreiben. Und das geht ja alles aus dem „Home Office“.  Also war ich meist mittags da, wenn mein Töchterchen aus der Schule kam, war auch morgens weniger im Streß, weil ich ja nicht ins Büro musste und hatte eigentlich genug Zeit „für mich“, so dass ich mich am Nachmittag ganz entspannt den Hausaufgaben widmen konnte. Wir konnten jeden Tag eine kleine Runde mit dem Rad drehen oder im Garten etwas spielen. Besser kann es eigentlich nicht gehen, oder? Und warum jetzt das Ende? Warum ist das ganze gescheitert?

 

Zum einen liegt es daran, dass ich doch wieder einen Vollzeitjob angenommen habe. Das hätte mit sich gebracht, dass mein Töchterchen dann doch regelmäßig die Nachmittag alleine oder mit den Großeltern hätte verbringen müssen. Und warum sollte sie das tun, wenn die Alternative nunmal ist, dass die Mutter Zeit für sie hat? Das ist halt einfach bequemer, weniger improvisiert, weniger „neu“ und „ungewiss“. Es wäre sicherlich trotzdem zu regeln gewesen aber wäre es fair, als Vater auf „mehr Zeit“ mit der Tochter hin zu arbeiten, wenn man aber ständig die Betreuungszeiten improvisiert? Ist das vielleicht gar nicht im Interesse des Kindes sondern nur im eigenen? 

Denn eins muss ich sagen: Ich habe die Zeit sehr genossen. Dieses „mehr an Zeit“ mit meiner Tochter war wirklich toll. Klar war es auch Streß, klar habe ich den Rest meiner Patchworkbande auch extrem in dieser Zeit vermisst aber es war einfach auch toll, eine Woche am Stück Papa sein zu dürfen.

 

Was aber wirklich bedenklich war, waren die ersten Tage nach dem Wechsel. Meine Lütte war irgendwie neben der Spur. Ich kann es gar nicht richtig beschreiben. Es flossen viele Tränen, es war eine Anspannung zu spüren, die man nicht erklären konnte. Und es war auch eine „gefühlte Distanz“ zwischen uns da, die erst in den ersten 1-2 Tagen abgebaut wurde. Und in einem der tränenreichen Gespräche kam es dann auch aus ihr heraus. Dieses ständige Wechseln gefällt ihr einfach nicht. Dieses „jedes Mal richtig umstellen“ fiel ihr schwer. Die langen Wochenenden bei mir waren für sie sowas wie „Urlaub“ vom zu Hause bei ihrer Mutter. Dadurch hatte es eine gewisse Leichtigkeit. Immer eine Woche Alltag bei mir war halt nicht mehr „nur“ Urlaub, sondern auch Alltag. Da musste sie sich komplett umstellen. Und das hat sie viel Energie gekostet. Und das muss ich akzeptieren. Auch wenn es schwer fällt. Sehr schwer. Aber ich kann sie auch verstehen. 

Und da sind wir wieder beim Thema „das Wohl des Kindes in den Vordergrund stellen“. Wenn es ihr damit besser geht, dann muss ich zurück stehen. Gefällt mir das? Nein. Sehe ich es als meine Verantwortung als Vater? Klar!

 

Und dann gibt es ja zum Glück noch den Rest meiner tollen Patchworkbande. Die hatten in der Zeit ja auch immer eine Woche mehr oder weniger auf mich verzichten müssen und ich auf sie. Klar, das würde sich in dem Moment ändern, in dem wir dann doch zusammen ziehen. Aber damit wäre dann auch der Kontrast für meine Lütte noch stärker. Aber da sind wir wieder. In der Patchworkwelt hat jede Entscheidung auch immer Auswirkungen auf alle Beteiligten. Das macht es so viel schwerer und anspruchsvoller.

 

Und wie ging es mir dabei? Tja, zwei Herzen schlagen da ach in meiner Brust. Es war toll, so viel Zeit mit meinem Töchterchen zu verbringen und „echter Vater“ zu sein. Gleichzeitig hat mir der Rest der Bande echt gefehlt. Und ich habe ja quasi auch ein Wechselmodell gelebt, denn ich habe dann am Montag quasi auch meine Familie und meine Wohnung gewechselt. Das eigene Kinder zur Schule und dann abends mit der „anderen Familie“ zusammen Grillen. Ohne mein Kind. Vom „echten“ Vater zum „väterlichen Freund“ in weniger als 12 Stunden. Dann am Ende der Woche das kinderfreie Wochenende und dann wieder Vater mit einer Woche mit meiner Tochter. Das war definitiv auch eine Form des Wechselmodells. Und es gab viele Nächte in denen ich morgens aufgeschreckt bin und nicht wusste, wo ich bin und in welcher Familienkonstellation ich gerade aufwache. Mit Tochter im Kinderzimmer? Mit Frau neben mir? Mit den Jungs in ihrem Kinderzimmer? Oder eine Mischung aus all dem?

 

Lange Rede: Auch für mich war es Kacke. Ich sag es wie es ist. Ich konnte nie richtig zur Ruhe kommen, war nie „ganz da“, bin nie ganz angekommen. Also auch aus meiner Sicht eine suboptimale Lösung. Und somit ging am Ende dann wieder alles auf Anfang. Jedes zweite Wochenende. Wenn möglich bis Dienstag oder Mittwoch, wenn ich das mit meinem Job hin bekomme. Also alle zwei Wochen ein „Kurzurlaub bei Papa“ für mein Töchterchen. 

 

Was dabei allerdings bleibt, ist der erste Abend ohne Kind, diese Leere in der Wohnung. Oder halt der erste Abend in der anderen Familienkonstellation und das Gefühl, dass ein Stück von mir fehlt. Und die Traurigkeit, die mich dann wie eine Welle, mit der man nicht gerechnet hat, überrollt. Die mich entweder tief trifft, wenn ich alleine in der stillen und ungenutzten Wohnung bin oder am Abendbrottisch mit den Jungs und meiner Frau sitze. 

Dagegen kann ich dann nichts tun. Sie kommt. Plötzlich und ohne Vorwarnung. Es fehlt ein Stück im Leben und es gilt wieder 2 Wochen zu warten. Das ist gemein dem Rest der Patchworkbande gegenüber, denn sie spüren meine Traurigkeit. Und dabei liegt ja nicht an Ihnen. Und sie können nicht wissen, wo sie her kommt. Und sie freuen sich ja, dass ich gerade wieder da bin. Und natürlich freue ich mich auch. Aber diese Traurigkeit kommt halt trotzdem. Es ist so wie der Schmerz einer Nadel. Man weiß, dass er kommt. Man weiß, dass er nicht so schlimm ist. Man weiß, dass er nur kurz anhält. Aber er kommt dann doch und es tut weh. Und man kann nichts dagegen tun.

 

Und ich will hier allen Patchworkfrauen sagen: Eure Männer meinen es nicht böse. Sie können nichts dagegen tun. Wären sie nicht traurig, wäre sie keine Familienmenschen. Und ihr habt euch in sie verliebt, weil sie Familienmenschen sind. Gebt ihnen die Zeit, den Nadelstich kurz wahr zu nehmen und es zu verarbeiten. Danach sind wir wieder voll und ganz für euch da. Und wärt ihr nicht da, würde es uns viel, viel schlimmer treffen und wäre das Leben so viel schlechter.

 

Vielen Dank für Euer Verständnis und Eure Liebe!

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