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Tag 27 - Warum die Verlustangst bleibt.

In einem Kommentar zu einem meinem Einträge wurde ich mit einem klitzekleinen Anflug von Panik gefragt, warum Väter, auch wenn eigentlich alles gut läuft, trotzdem noch so eine große Angst in sich tragen, irgendwann ihre Kinder ganz zu verlieren.

Meine erste Antwort war spontan: Wenn ich es wüsste, würde ich es bei mir abstellen! Und so wie es geschildert war, hatte der Vater um den es ging wirklich ein großes Glück und ein tolles Umfeld mit seinen Kindern.

Die Frage hat mich aber nicht losgelassen und da ich Euch ja eine Antwort schuldig bin, habe ich zumindest einige Thesen, was am Ende dazu führt, dass wir Trennungsväter manchmal für Euch Frauen so unverständlich reagieren und ständig diese Angst in uns herumtragen, die eigenen Kinder zu verlieren.

 

Ich denke, dass es mehrere Faktoren sind, die mehr oder weniger ausgeprägt bei fast jedem Vater eine Rolle spielen. Überprüft selber, was davon bei „eurem Patchworkvater“ eine Rolle spielen könnte.

These I: Meist sind wir die, die ausgezogen sind. Wir haben das Nest „verlassen“. Wir haben unsere „Familie“ zurück gelassen. Und plötzlich waren wir einsam und allein. Wir haben uns neu einrichten müssen und unsere Kinder sind meist im ersten Schritt in ihrem gewohnten zu Hause wohnen geblieben. Das ist sicher auch im Kinderinteresse und ein völlig normaler Schritt. Aber ich sag es aus meiner Sicht: Der Moment, als ich den dritten Anhänger voller Umzugskartons von „meinem Haus“ weggefahren habe und meinem Töchterchen „Tschüß“ gesagt habe, war der schmerzvollste in meinem Leben. Ich bin nach wenigen Minuten rechts ran gefahren und habe erstmal alles raus gelassen, was nur ging. Und das war schlimm. Denn ich habe sie zurück gelassen. Ich habe meine Familie zurück gelassen, für die ich ja doch irgendwie Versorgen und Aufpasser war. Ich habe meine Lebensplanung aufgegeben.

 

Damit hier kein falsches Bild entsteht. Ich bin nicht gegangen, weil ich es wollte, sondern weil ich dazu aufgefordert wurde. Aber dieser Moment des Schmerzes, den Moment des Zurücklassens, dieser Abschied in die Ungewissheit, der hat sich zumindest bei mir eingebrannt und ist sicherlich ein wesentlicher Grund, warum ich noch immer so viel Angst in mir trage.

 

These II: Die Beziehung zwischen Mutter & Kind ist immer eine andere als zwischen Vater & Kind. Auch hier haben wir es einfach mit Fakten zu tun. Oftmals bleiben die Mütter noch immer am Anfang zu Hause, das alte Rollenbild wird zwar abgewandelt aber doch irgendwie oft gelebt. Und dadurch ist „Mama“ einfach eine andere Bezugsperson als „Papa“. 

Ich denke schon, dass ich einen sehr intensiven Draht zu meinem Töchterchen habe. Aber trotzdem bin ich niemals da, wo die Mama ist. Ich kann es nicht erklären und oftmals denke ich sogar, dass das völlig „unverdient“ ist aber es ist einfach so. Und somit wird im Streit auch oftmals die Wahl auf die Mutter fallen. Und das spüren wir Väter. Also entsteht da Angst Nummer 2. Wir sind halt nur „Mütter zweiter Klasse“.

 

These III: Deutsche Gerichtsbarkeit & Berichterstattung in den „Medien“schüren unsere Angst. Leider liest man noch immer zu oft davon, dass Väter um das Besuchsrecht um ihre Kinder kämpfen oder verklagt werden, höheren Unterhalt zu zahlen. Und wenn man sich mal in den Foren umsieht, wird man auch automatisch immer wieder von „Leidensgenossen“ lesen, die ihre Kinder seltener sehen als sie wollen. Ist die Berichterstattung also einseitig? Ich weiß es nicht! Es wird sicher auch Mütter geben, die um die Besuchszeiten kämpfen. Aber wir Väter kriegen davon einfach nichts weg. Und somit entsteht schnell der Eindruck, dass man als Vater kaum Rechte aber umso mehr Pflichten hat. Und nur sehr selten liest man mal, dass ein Richter dem Vater mehr Zeit mit den Kindern zugesprochen hat. Aber umso öfter davon, dass die Kinder dem Vater vorenthalten werden, weil er dies oder jenes nicht gemacht hat.

 

Und diese Kombination ist tödlich. Die Erinnerung an das Zurücklassen der eigenen Kinder, zu spüren, dass man als Vater die Mutter nicht ersetzen kann (was ja eigentlich auch gut so ist) und die gefühlte Gewissheit, dass man als Vater sein Recht nur vor Gericht erkämpfen kann und dabei oftmals sogar verliert, führt dazu, dass Mann dann einfach stets diese Angst ins ich trägt. Auch, wenn es für Aussenstehende nicht nachvollziehbar ist.

 

Ich will es mal anhand der heißen Herdplatte, die jeder schonmal „gespürt“ hat, beschreiben. Weil wir wissen, dass wir das erneute Verbrennen der Hand vermeiden können, sind wir vorsichtig und achtsam. Und die Angst vor dem Verbrennen geht erst recht dann weg, wenn wir keine Zeit haben darüber nachzudenken - also wenn wir mitten im Kochen eines Familienessens ist. 

Und natürlich verbrenne ich mich trotzdem immer wieder, weil ich nicht daran denke. Aber wenn ich zur Ruhe komme, ist mir die Angst halt bewusst. Und das passiert halt beim Aufräumen der Küche nach dem Essen…..oder halt, wenn unsere Kinder uns wieder alleine lassen…und auch wenn ich mich da wiederhole: Ich könnte euch noch bis ins Detail beschreiben, wie der Abschied von meiner Tochter damals lief. Ich könnte euch noch dieses Gefühl beschreiben, wie ich mir selber ein Stück aus meinem Herz gerissen habe, indem ich meine Tochter „zu Hause zurückgelassen habe“. Und das werde ich nie vergessen. Und dieses Gefühl ist mir eine stete Mahnung. Das ist meine „Hand auf der heißen Herdplatte“.

Und deshalb tragen wir Väter, auch wenn es eigentlich gut läuft, stetig die Angst in uns. Und sie überfällt uns hinterrücks, wenn wir gerade wieder einen „kleinen Abschied“ hatten. Und wir können nichts dagegen tun.

 

 

Das sind allerdings nur meine Thesen. Vielleicht gibt es ja andere Väter, die das hier lesen und meine Thesen ergänzen können? Oder widerlegen? Oder gibt es noch anderen Partnerinnen, die mit dieser Angst des Partners gar nicht klar kommen? Ich freue mich auf eure Kommentare oder auch Mails.

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