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Tag 28 - Ein paar Worte zum Gefühl der Hoffnungslosigkeit

Ich sitze mal wieder im Zug. Man könnte sagen, ich geniesse mein Leben momentan in „vollen Zügen“. Ein Brüller, oder? Aber was ich wirklich sagen kann ist, dass die Zugfahrten sich zum Schreiben gut eignen. Und zum Nachdenken. 

Der letzte Blogeintrag entstand auch im Zug nach München und heute sitze ich im Zug zurück und will ein Thema aufnehmen, dass mich bei der Hinfahrt sehr betroffen gemacht hat.

 

Auf der Hinfahrt hatte ich eine zweistündige Zwangspause in Kassel. Der Zug machte bei der Einfahrt in den Bahnhof eine starke Bremsung und dann passierte eine Weile nix. Nach gut fünf Minuten kam dann eine Durchsage, dass wir mit dem Zug leider nicht weiterreisen könnten, da es zu einem „Personenschaden am Gleis“ gekommen ist. Krasse Formulierung, oder? Und da wir mit dem hinteren Zugteil noch auf freier Strecke standen, sollten wir alle geschlossen durch die Wagons nach vorne laufen, um dann in Höhe des Bahnsteigs auszusteigen. 

 

Was jetzt kam, kennt man nur aus Katastrophenfilmen. Wir packten unsere Sachen zusammen, nahmen das Gepäck aus den Staufächern und machten uns als große Kolonne durch den Zug nach vorne auf. Schweigend. Bedrückt. Betroffen.

Eine wenige, die nicht ahnten, was gerade passiert war, fragten, was denn los sei und wurden von umstehende Passagieren aufgeklärt. Und wir gingen Schritt für Schritt mit unseren Taschen und Koffern durch die Wagons und liessen den Zug hinter uns leer zurück, weil sich vermutlich jemand das Leben genommen hatte. Unser Zug war für eine einsame Seele die vermeintliche Erlösung. Das Ende der Probleme……

 

Wir gingen also schweigend weiter und am Bahngleis wurde uns aus dem Zug geholfen, da der Abschnitt des Bahnsteigs niedriger war als notwendig. Wir mussten also einen guten halben Meter mit Gepäck aus dem Zug springen. Freundliche Mitarbeiter der Bahn halfen uns, nahmen uns das Gepäck ab und sorgten für einen schnellen Ausstieg. Sie trugen diese gelben und orangen Warnwesten und auf dem Gleis war bereits durch Planen die Sicht versperrt. Wir wurden, weiter schweigend und betroffen, über Treppen weg vom Gleis gelotst. Wir hörten Sirenen und sahen Polizei, Rettungskräfte, Feuerwehr und Einsatzkräfte der Bahn, die dafür sorgten, dass wir zügig das betroffene Gebiet verliessen und keinen Blick auf die Unglücksstelle  werfen konnten. Ich hatte aber auch nicht den Eindruck, dass darauf in dem Moment jemand Bock hatte.

Die Stimmung ähnelte einem Endzeitthriller. Diese tiefe Bedrücktheit, diese Fassungslosigkeit in den Gesichtern, als jeder realisierte, was gerade passiert war, die Rettungskräfte, die zügig und bestimmt handelten, dann der große Pult der Reisenden am Info-Schalter……und dann, gute eineinhalb Stunden später, der Wagen des Bestatter, der an uns vorbei das Bahnhofsgebäude verließ…..

 

Ich weiß nicht, was passiert ist, ich vermute nur. Aber mir ist danach durch den Kopf gegangen, dass es bei aller Last, aller Traurigkeit, wenn man seine Familie verliert, so unglaublich wichtig ist, den Kopf hoch zu halten. Und daran zu glauben, dass man zwar einen Lebenstraum beerdigt hat aber das Leben noch viele andere Träume bereit hält.

 

Mich hat die Trennung auch tief getroffen. Ich habe es im letzten Blog-Eintrag ja schon kurz angedeutet. Und natürlich läuft bei mir in meiner Patchworkwelt auch nicht alles sofort rund und problemlos. Aber ich habe etwas ganz wunderbares gewonnen. Eine tolle Partnerin und eine sehr wertvolle Beziehung und ein unglaublich tolles Gefühl der Liebe. Und zwei Jungs, für de ich da sein darf und denen ich als guter Freund zur Seite stehe und deren Leben ich maßgeblich mit gestalten und beeinflussen darf. Zusätzlich zu meiner Tochter.

Und ich habe so wahnsinnig viel aus dem Ende meiner Ehe gelernt und kann damit meine „neue“ Beziehung so viel bewusster leben und geniessen.

 

Was hat das jetzt mit der Zugfahrt zu tun?

 

Ich möchte mit dieser Beschreibung einfach klar machen, dass es das da draussen gibt. Vermutlich jeden Tag. Und ich weiß, wie hoffnungslos und leer man sich fühlen kann, wenn man seine Familie aufgibt. Aber ich weiß auch, dass es ein „danach“ gibt…..und dieses „danach“ wunderschön sein kann. Und das es wert ist, durch das Tal der Tränen zu gehen. Und auch wenn danach nicht alles perfekt ist, so war es das vorher sicher auch nicht. Und auch wenn ich immer sage, dass Patchwork irgendwie immer ein Kompromiss ist, so will ich einmal ganz deutlich sagen, dass ich diesen „Kompromiss“ unglaublich lebenswert halte!!! Und wenn vielleicht einige von euch, meine Sichtweise aus eigener Erfahrung bestätigen, helfen wir damit vielleicht denen, die momentan nicht alles so positiv sehen können. Und wenn es nur ein Mensch ist, dem wir damit helfen, dann war es das wert.

 

 

Lebt euer Leben. Ihr habt nur das eine. Und es ist wunderschön…..und als Patchwork auch wunderschön bunt!

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Kommentare: 1
  • #1

    Kumjana (Montag, 02 Juli 2018 12:16)

    Vielen Dank für deine Antwort und auch für deinen neuen Bericht.
    Du hast selber im neuen Bericht gesagt und bemerkt, was ich beschreiben wollte.
    Bei all der Trauer darüber, dass das alte Familienprojekt gescheitert ist und die bleibende Angst, dass du nun auch die Tochter verlieren könntest, darf dies nicht die neue Partnerschaft und die dazu gekommenen Kinder in den Schatten stellen.

    Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich mein Partner aus schlechtem Gewissen heraus das neue Glück nicht gönnen möchte und es ihm schwer fällt es anzunehmen.
    So als würde er damit seinen Kindern in den Rücken fallen, weil es mit deren Mutter nicht geklappt hat.
    Dafür kann aber die neue Partnerin nichts und sie hat ja auch ihre Vorgeschichte und vielleicht auch selbst mal eine gute und liebevolle Zeit mit Leichtigkeit verdient.

    Viel Glück.