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Tag 31 - Die Einschulung oder wie erkläre ich es....meinen Kollegen....?

Tja, war lange still hier in meinem Blog. Erst habe ich den Urlaub genossen und mein MacBook nicht mal mit genommen, dann habe ich die Erholung zu Hause ausklingen lassen und dann kamen drei Wochen, in denen ich mehr im Büro war als an einem anderen Ort. Da blieb leider wenig Zeit zum Schreiben. Entschuldigt bitte!

 

Und mitten dazwischen kam die Einschulung von meinem kleinen Bonussohn. Und wieder ein Tag wie aus dem Bilderbuch für einen Patchworkvater. Nein, eher wie aus dem Bilderbuch, um die seltsame Situation als Patchworkvater zu beschreiben.

 

Denn es geht schon früh los. Wie macht man seinen Kollegen im Büro klar, dass man an dem Samstag nicht den Tag der offenen Tür mit gestaltet, der leider schon lange geplant ist, sondern dass man die Einschulung von….. nein, nicht meinem eigenen Kind…..und nein, nicht von meinem Stiefsohn…..sondern von meinem Bonussohn feiern will und dass es einem Patchworkvater irgendwie fast genauso wichtig ist, wie beim eigenen Kind? Dass man selber mit stolzgeschwellter Brust den „Kleinen“ mit seinem Ranzen beobachten will und die ersten Schritte zur Klassenlehrerin mit einem Klatschen begleiten, obwohl es gar nicht das eigene Kind ist? Tja, da ist mann das erste Mal in einer völlig ungewohnten Situation. Würde man das eigenen Kind einschulen, würde sicher keine auch nur komisch gucken. Aber „der Sohn der Freundin“? Also das Kind von einem anderen Vater? Das klingt so wie „das Kind des besten Kumpels. Ich glaube, dass sogar die Aussage, dass das eigene Patenkind eingeschult wird eine andere Wirkung gehabt hätte. Und das, obwohl ja nun der Trend zur Patchworkfamilie geht. Vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet. Vielleicht hörte es sich auch für mich nur so komisch an. Wer weiß es schon. Aber es ist eine andere Selbstverständlichkeit beim eigenen Kind, beim Patenkind und beim Neffen als beim „Bonussohn“. Das Wort an sich muss sich ja sogar erstmal etablieren.

 

Aber das ist ja nicht alles. Denn erstmal der eigenen Tochter klar machen, dass es den Einschulungstag geben wird und dass das ein ganz besonderer Tag ist und dass sie da mit dabei sein darf, soll oder muss. Dass es an dem Tag mal um die Belange von dem kleinen „er verbringt mehr Zeit mit meinem Papa als ich Jungen“ (was gar nicht so ist) geht und die eigenen Belange an dem Tag zurückstecken müssen. Das bedeutet am Samstag früher aufstehen und sich ins Auto setzen. Kein Ausschlafen nach der ersten eigenen Schulwoche. Die Kirche haben wir schon ausfallen lassen, um die Stimmung nicht von vornherein mehr unter Spannung zu setzen als notwendig. Und die zweite Station des Tages ist dann die örtliche Turnhalle. Das klingt gut, das klingt einfach. Einfach nur hinsetzen und zugucken und klatschen. Aber nein. Da sitzt der leibliche Vater in der ersten Reihe. Auch er ist ja jetzt Patchworkvater und hat auch die Kirche mal ausfallen lassen. Und es geht ja heute um seinen Sohn.  Die neue Partnerin ist mir dabei, es ist ja auch ihr Bonussohn. 

 

Es gibt drei Reihen auf der Tribüne. Die ersten zwei sind mit handgeschriebenen Schildern reserviert: „Für die Eltern der Einschulungskinder“. Für mich ist klar: Da gehöre ich ja nicht hin. Bin ja „nur“ der Patchworkvater. Dann sehe ich die „Neue“ vom Vater in der ersten Reihe. Sie gehört da ja noch weniger hin…..egal….ich verhalte mich einfach zurückhaltend und lasse den Platz in den ersten Reihen den „echten“ Eltern. Auch eine komische Formulierung. Und dann, als ich mich gerade damit abgefunden habe, kommt es plötzlich aus meiner Tochter: „Aber Papa, Du kannst Dich doch auf jeden Fall da vorne hinsetzen.“ 

 

Eisdusche gefällig? Da war sie. Einfach mal so, völlig unerwartet, stellt meine eigenen Tochter auf ihre Art fest, dass ich in ihren Augen ein Elternteil von den Jungs meiner Frau bin. Ohne Wertung. Einfach eine trockene Feststellung aus dem elfjährigen Kindermund. Und mir schiessen die Tränen in die Augen. Diese Situation, wiedermal zwischen den Welten. Nicht Fisch nicht Fleisch. Und meine eigenen Tochter, die mir ohne es zum merken an diesem Tage die Botschaft ins Gesicht haut, dass ich in ihren Augen ein Elternteil für die beiden Jungs bin. Ein Satz ohne Vorwurf, ohne Trauer, in dem Moment sogar irgendwie gönnend. 

Und dann kommen die Fragen: Wie fühlt sich das für sie an? Was denkt sie darüber? Warum denkt sie so? Und ist es nicht eigentlich die pure Wahrheit? Auch wenn man nicht Vater oder Vaterersatz ist, so ist man dich mindestens so viel „Eltern“ wie der leibliche Vater…..irgendwie…..

 

Ich habe den Rest des Tages damit verbracht, mir darüber Gedanken zu machen. Und ich weiß bis heute nicht, was in dem Moment in der Kinderseele meiner Tochter vorging. Und ich weiß vor allem nicht, ob ich es gut oder schlecht finden soll.

 

Wir blieben am Ende sogar hinter der dritten Reihe stehen. Aus Respekt vor den leiblichen Angehörigen und den Omas und Opas. Meine Tochter fand die Feierlichkeit toll. Ich auch. Und ich war am Ende stolz, sehr stolz, als er da zur Lehrerin ging und brav mit ihr die Turnhalle zu seiner ersten Unterrichtsstunde verlies. Auch wenn ich kein „Einschulungselternteil“ war. 

Und ich bin doch noch zum Tag der offenen Tür ins Büro gefahren. Weil ich ein schlechtes Gewissen hatte. Es war ja nicht mein Sohn, der der eingeschult wurde. Doof, oder?

 

Aber wir hatten dann noch einen tollen Nachmittag und Abend und ich habe das Ganze dann lange vergessen, bis ich mich mit dem frischen Schulkind vor wenigen Tagen über seine Einschulung unterhielt und er mich verblüfft ansah und mich fragte: „Woher weisst Du das alles? Warst Du etwa da?“

 

Ja…..war ich……aber ich weiß nicht als „was“…..

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Kommentare: 2
  • #1

    Sylvia (Montag, 27 August 2018 22:44)

    Frag sie doch einfach, was sie gedacht hat, als sie das sagte!
    Wobei ich mir vorstellen kann, die Antwort zu kennen. Und du vermutlich auch.
    Nichts! Ich glaube, sie hat sich dabei nichts gedacht. Warum auch? Sie erlebt sich als Vater und sieht, dass du die gleiche Dinge und Empfindungen für die Jungs hast. Warum solltest du also weniger Vater für ihn sein als für sie?
    Mag sein, dass wir Erwachsenen das anders empfinden oder gelernt haben zu empfinden - nämlich auf der biologischen Grundlage - aber ist das denn so wichtig? Gerade in dem Moment doch wohl oder hoffentlich nicht!
    Dann dürften ja Eltern mit adoptieren Kindern auch nicht in der ersten Reihe sitzen. Sie sind ja auch nicht mehr Eltern (oder weniger), nur weil sie ein Papier haben, auf dem steht, dass das Kind zu ihnen gehört. Und es gibt auch leibliche Eltern, die sich weniger wie Eltern fühlen oder benehmen, als manch Anderer.
    So what?!
    Und wenn die neue Freundin des KV in der ersten Reihe sitzen darf (oder soll?), warum solltest du es nicht auch dürfen? Entweder alle neuen Partner oder keiner.

    Aber schade, dass der Kurze sich im Nachhinein wundert, dass du überhaupt da warst, und dich scheinbar nicht mal wahrgenommen hat. Sicher, es gab viele Eindrücke, spannende Situationen, neue Umstände etc. - aber vielleicht wäre etwas weniger Zurückhaltung gar nicht so schlecht gewesen. Wenigstens zwischendurch oder so.

  • #2

    Sylvia (Montag, 27 August 2018 22:46)

    .. Und du musst auch nicht "als was" dort hingehen oder dort sein. Sondern "als wer", nämlich du und sonst nichts!