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Tag 35 -Fortnite, Youtube & Netflix....und von der Unfähigkeit, damit vernünftig umzugehen.

Ja, ich gebe zu, ich bin überfordert. Einfach stumpf überfordert. Lange Zeit habe ich das Thema irgendwie ignoriert, habe mir nicht eingestehen gemocht, dass ich irgendwie handlungsunfähig bin. Und es macht mich gerade unglaublich wütend, wie clever die Konzerne dafür gesorgt haben, dass unsere Kinder zwar nicht den Marlboro Mann als Vorbild haben, sondern Bibi oder irgendwelche anderen Influencer.

 

Und ich erlebe es gerade in seiner ganzen Vielfalt. Ich sehe ein Kind, dass mittlerweile so daran gewöhnt ist, dass es ständig irgendwelche Stimmen hört, so dass es selbst bei den Hausaufgaben irgendeine Serie auf dem Tablet laufen lässt und dadurch die Folgen schon auswendig kennt und mitsprechen könnte. 

Ich erlebe ein anderes Kind, dass bereits morgens noch vor dem Frühstück als größten Wunsch hat, noch vor der Schule auf dem Handy spielen zu dürfen und ich erlebe, wie ein Kindergeburtstag in der sechsten Klasse vorzeitig endet, damit die Kinder danach noch alle zusammen „online die Nacht durch zocken dürfen“. Und ich erlebe, wie pfiffig unsere Kinder sind. Es wird direkt gefragt: „Darf ich da mitmachen? Die anderen dürfen ja schließlich auch alle.“ (Dieses Vorgehen merke ich mir mal. Klingt erfolgsversprechend)

 

Waren wir als Kinder auch so clever? Und ich frage mich, warum wir nicht die Chance nutzen und nachfragen, ob wirklich alle anderen Kinder das dürfen? Wurde vielleicht jedes Elternteil damit konfrontiert, dass es ja alle anderen auch dürfen? Unterwerfen wir uns da als Eltern einem Gruppenzwang, den es gar nicht gibt?  Warum greifen wir nicht zum Smartphone und fragen bei den anderen Eltern nach? Weil es uns unangenehm ist? Weil wir nicht die Spaßbremsen sein wollen? Wir hätten ja dank WhatsApp die Möglichkeit, diese Frage schnell zu klären. Wir machen es aber trotzdem nicht.....

Und ein Stück weit glaubt ich ja auch, dass die anderen auch die Erlaubnis haben. Denn wenn ich mir mal meine drei Kiddies ansehe, dann sind die quasi voll auf dem Medientrip. 

 

Und woher soll es auch kommen, dass es anders ist? In der Schule meiner Tochter hat sich jetzt die Klassenlehrerin auf einem Elternabend ganz massiv dafür eingesetzt, dass die Smartphones der Kinder zu Hause bleiben und hat dafür auch eine Mehrheit bei den Eltern gefunden. Meine Tochter darauf angesprochen bekam ich zur Antwort: „Mama will das nicht, dass ich es zu Hause lasse.“ (Kennt ihr noch den Spruch: „Du guckst wie ein Rennauto, nur nicht so schnell!“? So habe ich in dem Moment vermutlich geguckt!)

 

Wie sollen wir denn den Kindern Medienkompetenz vermitteln, wenn wir selber die Botschaft transportieren, dass man ohne diese Technik nicht überlebensfähig ist? Und ich habe dann nach 14 Tagen auch noch mal nachgefragt, ob sich denn etwas daran geändert hat, dass die Hälfte der Klasse sein Smartphone mit hat. Und die Antwort war zu erwarten: Nein, nix hat sich geändert. Wie auch, wenn wir selber nicht voran gehen?

 

Und ich? Ich will ja nicht immer nur die Schuld bei den anderen suchen: Meine Zeitung lese ich morgens auf dem iPad. Und da ich es nicht zu meiner Frau mitnehme, lese ich die lokale Tageszeitung dort auf dem MacBook. Und wie soll man das Kindern klar machen, dass sie keine technischen Geräte vor der Schule nutzen sollen, ich aber ja das MacBook nutze, um eine altmodische Zeitung zu lesen? Und gibt es da überhaupt einen Unterschied? Also zwischen der unhandlichen, übergroßen Zeitung aus Papier oder dem aufgeklappten MacBook? Immerhin lese ich nach dem Essen und nicht währenddessen, obwohl ich das aus meinem Elternhaus auch anders kennen gelernt habe. Aber ich nutze ein technisches Gerät und bin online....

 

Und wir haben uns doch auch jeden Tag mit unseren Freunden getroffen und haben zusammen was gespielt. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich noch zu Grundschulzeiten mit kleinen Plastiksoldaten und Plastikpanzern gespielt habe. Mit meinen Freunden. Und es sind viele Soldaten im Hinterhof in Berlin damals gestorben. Also nur um es nochmal zusammen zu fassen: „Mit Freunden verabredet und dann fiktive Feldzüge simuliert.“ Was machen denn die Kinder zur Zeit in Battlefield, Fortnite & Co? Und natürlich ist es cooler, wenn man das mit seinen Freunden zusammen spielt. Und im Gegensatz zu den LAN-Partys, die wir noch geschmissen haben und wo es notwendig war, im selben Haus zu sein, damit die Kabel reichten, müssen die Kinder sogar an getrennten Orten sein, weil die Konsole und der TV nicht mit auf die Reise gehen soll. Und wir haben damals auch möglichst im verdunkelten Zimmer alleine sitzen wollen bei geschlossener Tür. Okay, ich war nicht 11 Jahre alt, sondern 17. Aber am Ende ist es nichts anderes.

 

Und meine Oma hat mir immer Magnum aufgenommen. Auf VHS Kassetten. Tom Selleck und sein Ferrari. Das lief ja nun leider immer erst um 21:45 Uhr und da durfte ich natürlich nicht mehr Fernsehen gucken. Was habe ich dann gemacht, wenn ich zu ihr kam? Ich habe Magnum „gesuchtet“. Gerne mal ein ganzes 240 Minuten Band durch. Wenn ich durfte. Warum nicht? Und ich hätte auch noch mehr geguckt, wenn mehr Material da gewesen wäre.

 

Und wenn ich mit meiner Märklin-Eisenbahn gespielt habe, dann liefen „Die drei Fragezeichen“ oder „TKKG“ Kassetten rauf und runter. Die ganze Zeit. Vielleicht war ich auch so daran gewöhnt, dass ich Stimmen hören wollte? Wirklich sinnhaft erklären kann mir schließlich vermutlich niemand, warum ich die Folgen am Ende alle auswendig konnte. Hätte ich lieber jede Wochen eine neue Folge gehört? Klar? Leider gab es aber nicht jede Woche eine neue Folge und dann kosteten diese Kassetten ja auch noch Geld. Kostet Bibis Beauty Palace aber nicht....oder“ let´s play Minecraft“ Videos. Und es gibt die Erinnerung über neue Downloads ja kostenfrei und sofort aufs Smartphone. Man muss nicht mal zu lokalen Kassetten Händler seines Vertrauen. 

 

Also....wären wir anders gewesen? Vermutlich nicht!!!

 

Warum fühlt es sich dann aber nicht richtig an, was unsere Kinder machen? Ist das einfach ein „Elterngen“, dass man immer am liebsten zu allem „nein sagen“ will, dass man alles „neue“ skeptisch betrachtet? Und warum fühle ich mich so hilflos? Warum will ich überhaupt was ändern? Die Schulnoten sind noch alle gut, das Zimmer war noch nie wirklich aufgeräumt und mehr mit Freunden treffen wäre eh nicht möglich, weil die ja alle keine Zeit haben. Denn sie zocken, streamen und suchten ja und haben keine Zeit zum Verabreden......schöne neue, alte Welt!

 

Aber zum Glück kommt ja der Frühling. Und ich habe die Hoffnung, dass das schöne Wetter die Kinder dann wieder raus treibt. Die ersten Nachmittag gab es schon. Nur, dass sie halt nicht mit Plastiksoldaten im Hinterhof gespielt haben, sondern ihre Zeit anders verbracht haben.  Aber zusammen. Draussen. Also ist es am Ende alles gar nicht so schlimm? Was denkt ihr?

 

 

Und ich kann auch Entwarnung geben: Obwohl ich in frühster Kindheit mit kriegerischem Spielzeug in Kontakt kam, habe ich später sogar den Wehrdienst verweigert und bin nicht zum gewaltbereiten Massenmörder geworden.