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Tag 36 - Papa, irgendwie hatte ich heute früh keine Lust, zu Dir zu kommen.

Jetzt ist es passiert. Mein Alptraum. Zumindest die Vorstufe. Nach der ersten Ferienwoche und einer ruhigen und idyllischen Zeit auf einer Nordseeinsel mit der Mama habe ich mein Töchterchen gestern für die zweite Ferienwoche zu mir abgeholt. 

 

In der Woche davor war es schon in der Kommunikation zwischen uns noch ruhiger als sonst schon und ich hatte ein seltsames Gefühl dabei. Dann wurde die Abholzeit von ihr auch noch am Abend vorher nach hinten verschoben, weil sie am Abend noch einen Spieleabend machen wollten und nicht klar war, wie spät es werden würde.....

 

Und Urlaubszeit auf der Insel bedeutet für sie halt auch das Paradies. Geld spielt dann keine Rolle, Frühstücken beim Bäcker, jeden Tag lecker Essen gehen und nebenbei auch noch etwas in den hippen Geschäften bummeln und außergewöhnliche und durchaus auch teure Klamotten gekauft bekommen.  Und das alles nur 50 Meter vom Strand  entfernt. Ein Traum für die junge Dame. Ein Umfeld, das ich ihr als Vater leider nicht regelmäßig anbieten kann.

 

Als ich dann am Montag morgen von der Mutter die Nachricht bekam, dass das Kind noch schlafe und ich doch noch später kommen sollte, war ich eh schon ziemlich geknickt. Und bei der Übergabe gab es dann auch das eine oder andere Signal, das mir sagte: Achtung! Gefahr im Verzug! 

Ich kann es gar nicht an bestimmten Dingen fest machen aber es fühlte sich so an. Es fühlte sich so an, als ob ich zwei „Best Friends forever“ auseinander reisse, als ob ich zwei Menschen trenne, die die Trennung nicht wollen. Wie gesagt, ich kann es nicht an einzelnen Dingen fest machen.

Die Stimmung dann im Auto war oberflächlich gut aber spätestens in der Wohnung angekommen war klar, dass irgendwas nicht okay ist. Als ich sie in ihrem Zimmer sitzen sah, ein Häufchen Elend, wie sie sich umguckte, scheinbar nicht fassen konnte, dass sie jetzt wieder an einem anderen Ort war.....da wusste ich, dass irgendwas ganz sicher nicht stimmte.

 

Und natürlich habe ich dann wenig später mal nachgefragt. Und erstmal war die Antwort „Will ich nicht sagen“. Jepp, spätestens jetzt wusste ich, dass wirklich ein Orkan im Anflug war, dass es sicher auch um mich ginge und es flogen mir die Gedankenfetzen durch den Kopf, was in meinem Leben denn alles so laufen könnte, dass sie sich nicht wohl fühlen könnte......

 

Und wenig später hatte ich Klarheit. 

 

„Papa, ich hatte heute früh einfach keine Lust zu Dir zu kommen“, sagte sie unter Tränen. Und bei mir setzte kurz die Atmung aus und mir wurde schwarz vor Augen.....weil genau das passiert war, was ich immer verhindern wollte. Etwas, wogegen ich jahrelang gekämpft hatte. Und es ist schon komisch, dass ich bereits vor 2 Wochen etwas zum Thema „Entfremdung“ geschrieben habe, oder? Das Bauchgefühl hat am Ende immer den richtigen Riecher, denke ich.

 

Puh, und wie reagiert man jetzt als Patchworkvater? Tut man so als wäre es einem egal? Man will ja schließlich das offensichtlich schlechte Gefühl beim eigenen Kind nicht noch weiter anfeuern. Aber wenn man so tut, als wäre es einem egal, welches Signal gibt das dann? Unterstützt man die Entwicklung dann nur mit einer „ist mir eh egal“ Haltung? Und wenn man plötzlich selber den Wasserstand in den Augen ansteigen spürt? Lässt Man(n) es zu? Schluckt Mann es runter? Wechselt man das Thema oder besser das Zimmer?

 

Ich habe versucht authentisch zu bleiben, meine Trauer und meinen Schock sehr wohl zu zeigen aber gleichzeitig zu signalisieren, dass es okay ist. Und ich war in dem Moment auch gleichzeitig so stolz auf mein „kleines Mädchen“, dass sie den Arsch in der Hose hatte, es mir zu sagen. Und vielleicht ist das auch eher etwas, was ich im Fokus behalten sollte. Immerhin hatte sie so viel Vertrauen in mich, dass sie es mir ins Gesicht gesagt hat. Und natürlich fiel es ihr nicht leicht. Und natürlich fühlt sich das für sie sicher noch viel, viel schlimmer als für mich an. Wie muss es einem Kind das Herz zerreissen, wenn es merkt, dass es seinen Vater zwei Wochen nicht gesehen hat und einfach auch keine Lust hat, jetzt zu ihm zu fahren. Ein heranwachsendes Herz, das plötzlich merkt, dass der Held der Kindheit jetzt gar kein Held mehr ist und wo Zeit beim Vater erneut bedeutet, seine Sachen zu packen und sich wieder auf ein anderes „zu Hause“ einzugewöhnen, wieder andere Regeln, andere Umstände..... 

 

Und ich kann es am Ende auch verstehen. Ich habe selber über die verschiedenen „Familien“ in der Patchworkwelt geschrieben. Und jetzt sehe ich die verschiedenen „zu Hauses“ meiner Tochter. Es ist das Haus bei ihrer Mutter, es ist der Wohnwagen auf der Nordseeinsel, einsam, naturverbunden, besonders.....und es ist die Wohnung von mir. Auch hier drei verschiedene Konstellationen, drei Dinge, auf die man sich immer wieder einstellen muss. 

 

Und jetzt natürlich die Frage: Müssen wir als Eltern unsere Kinder etwas aussetzen, was wir selber nicht gut finden? Müssen wir als Eltern nicht reagieren und dieses Gefühl des „heimatlos seins“ irgendwie in den Griff bekommen? Und sollte nicht eigentlich unsere Liebe und unser liebevoller Schutz ausreichen, das sich unsere Kinder bei uns geborgen und „zu Hause fühlen“? Egal, ob sie zwischendurch auf eine Insel pendeln und wie oft sie ihre Koffer packen müssen? Und liegt es am Ende auch daran, dass Mädels halt einem gewissen Alter eine dickere Bindung zur Mutter haben?

 

Aber am Ende bleibt bei mir dann doch die eine Frage: Was habe ich falsch gemacht? Habe ich überhaupt etwas falsch gemacht?                   

 

 

Und wie sieht es bei Euch aus? Wie reagiert ihr als Mütter, wenn es plötzlich heißt „ich will nicht zu Papa“ oder als Väter, wenn Eure Kinder einfach mal ein Wochenende nicht zu euch kommen, weil sie keine Lust haben? Oder zwingt ihr die Kids? Ab in die Kommentare mit eurer Sichtweise. Ich bin gespannt.

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Kommentare: 2
  • #1

    Sven (Montag, 22 April 2019 17:47)

    Ich glaub ich würde erstmal am Boden zerstört sein. Und ehrlich gesagt weiß ich nicht wie ich dann reagieren würde. Wahrscheinlich würde ich den kleinen Mann fragen, warum er keine Lust hatte. Und im schlimmsten Fall würde ich ihn fragen ob er wieder zur Mama möchte, obwohl es mir in dem Moment wahrscheinlich das Herz zerreißen würde

  • #2

    C. (Dienstag, 23 April 2019 23:16)

    Das hast du sehr klar beschrieben... Wie geht es dir und ihr damit jetzt? Hat sie sich akklimatisiert? Ich denke, dass wir Eltern nicht nur (vor-)pubertierende Aussagen hinnehmen müssen, sondern auch spiegeln können, was diese mit uns machen. Aber es nicht zu sehr persönlich nehmen... Pubertät ist Pubertät... Wer weiß, was sich in dem Alter auch die Mama oder andere Angehörige anhören müssen? Kinder in dem Alter denken scheinbar nur an sich und Aussagen jeglicher Couleur können sehr verletzend sein. Da werden Eltern getrennt oder nicht getrennt gegeneinander auch ausgespielt (nicht böswillig, aber die eigenen Interessen verfolgend). Davon kann ich auch ein Lied singen - in den höchsten Tönen. Sie müssen erst lernen, emphatisch zu sein und das große Ganze zu sehen. Ich empfehle u.a. das GEO-Heft zum Thema Pubertät ;o)