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Tag 37 - Jetzt spiele ich mal die zweite Geige

Im letzten Eintrag hatte ich schon davon berichtet, dass meine Tochter ja „keine Lust hatte zu mir zu kommen“. Ich habe anfangs gedacht, dass es mit den vielen Standortwechseln zu tun hatte, weil sie jetzt wieder die Wochenenden mit ihrer Mutter auf einer Insel in der Nordsee im Wohnwagen verbringt. So halt auch in der ersten Ferienwoche geschehen.

Wie lief jetzt aber die Woche bei mir?

 

Ich war ja jetzt vorgewarnt und auf der Hut. Ich wusste jetzt, dass die Zeit bei mir irgendwie nur zweite Wahl war. Und vielleicht lag es daran, dass es sich auch die ersten Tage so anfühlte, als würde ich mit einem fremden Kind zusammen wohnen. Ich erkannte meine Tochter nicht wieder. Sie schlief bis in den Vormittag hinein, war schlecht gelaunt und irgendwie „muffelig“. Aber das war auch vorher schon passiert, wenn ihr das Umgewöhnen schwerer fiel als sonst. Doch diesmal war der Wille zum Umgewöhnen vielleicht gar nicht da. Schon am zweiten Tag fragte sie mich während einer Autofahrt, ob es okay wäre, wenn sie schon früher zu ihrer Mutter zurück gehen würde.  So weit war es also. Nicht nur keine Lust, überhaupt zum Vater zu kommen, sondern dann auch keine Gewöhnung, sondern der Wunsch, früher wieder „zu Mama“ zu kommen.

 

Geplant waren ursprünglich neun Tage. Jetzt wurden daraus sechs. 

 

Und natürlich habe ich „ja“ gesagt, wenn es ihrer Mutter recht wäre.  Das sollte sie doch bitte vorher klären. Natürlich habe ich ihr auch gesagt, dass es mich traurig stimmt aber das am Ende ihr Wohl wichtig ist, denn sie hat sich ja nicht ausgesucht, dass ihre Mutter und ich getrennter Wege gehen. (Das ist irgendwie die Entschuldigung für alles, oder? Ziemlich frustrierend)

Und natürlich hat ihre Mutter nicht „nein“ gesagt. Und natürlich frage ich mich, ob das so auch okay ist oder ob wir als Eltern mehr darauf achten sollten, dass die abgesprochenen Zeiten auch eingehalten werden. Darf das Kind die Zeiten bestimmen, die es beim Vater oder der Mutter ist? Aber das ist auch wieder ein Thema für sich und für einen anderen Tag.

 

So aber war es jetzt beschlossen. Und als wir am nächsten Tag dann einen Patchworktag einlegten, wurde mir das Ausmaß der Entscheidung erst richtig bewusst. Denn diesen Tag nutze sie, um ihre Genervtheit von der Patchworksituation ziemlich unverblümt zu zeigen. Ein Einzelkind, das keine Rückzugsmöglichkeit hat und das sich in den Ferien auf gar keinen Fall mit Freunden verabreden wollte, das auf dem Campingplatz auf der Nordseeinsel froh war, dass keine anderen Kinder auf dem Platz waren......mehr muss ich vermutlich nicht schreiben.

 

Und natürlich entstand in mir sofort auch die Angst, dass die Zeit bei mir noch kürzer werden würde, wenn sie Tage verlebt, die sie annerven. Und schwups bin ich als Vater erpressbar und noch manipulierbarer als sowieso schon. Willkommen Dilemma, in dem ich nur verlieren konnte. Ich entschied mich dazu, nicht dagegen zu kämpfen, sondern die Tage so gut wie möglich zu verleben und dann einfach aus der gewonnen Zeit mit meiner restlichen Patchworkbande das Beste zu machen. Denn wenn ich eins nicht zulassen will, dass ein einzelnen Mensch noch mehr Macht über die anderen in der Patchworkkonstellation bekommt. Aber auch das ist ein Thema für mindestens einen weiteren Tag.

 

Also verzichtete ich auf drei Tage mit ihr, brachte sie früher zur Mutter zurück und festigte die Erkenntnis, dass ich mich und mein Leben nicht noch weiter einschränken würde, um als Vater „optimal“ für sie da zu sein, wenn sie mich momentan eigentlich gar nicht braucht. Denn mir wurde gerade ins kurzer Zeit sehr schmerzlich vor Augen geführt, was das Ergebnis  davon war, dass ich meinen Wohnsitz in der Nähe der Schule gewählt hatte, davon, dass ich die Patchworkbande in meiner Vater-Tochter-Zeit immer nur sporadisch dabei hatte, davon, dass ich mein Leben die letzten sieben Jahren ganz darauf ausgelegt hatte, als Trennungsvater immer dann für meine Tochter da zu sein, wenn sie mich braucht. Ich wollte für meine Tochter da sein, wenn sie mich braucht und ich hatte dabei nicht berücksichtigt, dass der Moment kommen könnte, in dem sie mich halt nicht braucht.  Und nachdem die Formulierung der „zweiten Geige“ hier im Blog schon für die eine oder andere Reaktion gesorgt hat - in einem anderen Zusammenhang - bin ich es nun, der die zweite Geige spielt. 

 

 

Und als ob diese Situation mich nicht schon genug zum Denken anregen würde, frage ich mich natürlich, wie es gelaufen wäre, wenn ich nicht so viel Rücksicht genommen hätte und in meinem Patchworkleben weniger Kompromisse eingegangen wäre. Aber das werde ich zum Glück nie erfahren. 

 

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