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Tag 38 - Nicht die Mama!

Kennt ihr noch die hervorragend Puppenserie „die Dinos“?  Also ich habe sie geliebt. Ich weiß noch, dass der Ausstrahlungszeitpunkt irgendwie unglücklich gewählt war und ich deswegen immer auf der Hut sein musste, um keine Folge zu verpassen. Ja, damals musste man noch pünktlich vor dem Röhrenfernseher sitzen, da es keine Mediatheken oder sowas gab. Und ich fand ´ das Baby immer so grandios, wie es mit der Rassel (ja, Kinderspielzeug kann gefährlich sein) auf den Kopf des Vaters herum hämmerte und laut „Nicht die Mama! Nicht die Mama! Nicht die Mama!“ rief. Und das hätte ich in abgewandelter Form heute auch rufen können.

Nein, ich war in keiner Dino-Höhle und es ging diesmal auch nicht um mein Töchterchen. Wobei sie sicherlich in den letzten beiden Blogbeiträgen durchaus als Dino-Baby vorstellbar gewesen wäre und ich dann die große Rassel auf den Kopf bekommen hätte. Irgendwie....

 

Diesmal geht es aber um meinen großen Bonussohn. Er war beim Fußball gefallen. Ein intensiv geführter Zweikampf endete am Ende damit, dass ein Spieler am Boden lag und nicht wieder aufstehen wollte. Und das war er. Der Videoschiedsrichter war leider nicht eingeschritten. Und das obwohl mein Bonussohn Bayern Fan ist.

Er war auf die Hand gefallen und diese schmerzte so arg, dass das Spiel für ihn beendet war und wir am nächsten Morgen den Facharzt aufsuchten. 

Was das mit den Dinos zu tun hat? Kommt jetzt! Keine Sorge!!

 

Schon bei der Anmeldung am Empfang der Arztpraxis hätte es klär sein müssen. Erst die Frage nach dem Geburtsdatum vom (Bonus)Sohn. Okay, das ging mit Nachdenken noch. Dann die Frage nach der Hausärztin des (Bonus)Sohnes. Konnte ich aus dem Handy zaubern, da ich mir die Daten vor einigen Wochen gespeichert hatte. 

Spätestens da hätten aber alle merken müssen, dass ich entweder ein verdammt schlechter Vater oder vielleicht auch gar nicht der richtige Vater sein dürfte. Sicherheitshalber habe ich es aber auch noch einmal direkt erwähnt. Diese Information wurde aber ignoriert.  Später hat dann sowohl der Arzt im verbalen Geplänkel mehrmals darauf angespielt, dass ich als Papa ja jetzt dabei sei (schön  tapfer sein, mein Padawan) und auch die Arzthelferinnen haben in mir natürlich den Vater gesehen. Selbst als wir bei der Wahl der Verbandsfarbe sehr unterschiedlicher Meinung waren, da ich einen gelben Verband wählen wollte und dann mit schwarzen Streifen verzieren und dies aber meinem Bonussohn als Bayern Fan so gar nicht gefiel, wunderte sich keiner, dass „Vater und Sohn“ Fans von den zur Zeit größten Konkurrenten der Liga waren. Und spätestens da wollte ich das Dino-Baby gerne rausholen und es laut mit der Rassel durch die Arztpraxis krabbeln lassen und laut „Nicht der Papa! Nicht der Papa! Nicht der Papa!“ schreien lassen. Der Verband wurde dann übrigens doch blau, leider. 

 

Währenddessen habe ich mich die ganze Zeit gefragt, wie sich das wohl für meinen Bonussohn anfühlt, wenn da einfach ein Mann als „Papa“ deklariert wird, der es aber definitiv nicht ist, wenn er quasi mit der Nase darauf gestossen wird, dass sein Vater eben nicht mit ihm beim Fußball war und auch nicht jetzt beim Arzt an seiner Seite ist. Und wird dieses komische Gefühl dann nicht noch dadurch verstärkt, dass alle Beteiligten mich ganz selbstverständlich als den Vater angesehen haben? Und  das in Zeiten, in denen im Jahr 2017 mehr als 123.000 minderjährige Kinder in Trennungsfamilien gelebt haben und vermutlich viele von diesen auch einen väterlichen Freund haben. Trotzdem ist das Phänomen noch nicht in der heutigen Zeit im Bewusstsein der Menschen angekommen. Und es geht sogar noch weiter.

Und ich? Ich habe mich nach jetzt fünf Jahren daran gewöhnt, dass ich oft als „Vater“ gesehen werden und es gar nicht bin. Anfangs verspürte ich in in solchen Momenten noch ein schlechtes Gewissen. Bescheuert, oder? Aber ich erinnere mich noch gut an die erste Situationen und in das Gefühl in mir, das davon geprägt war, dass ich dem leiblichen Vater etwas „wegnehme“. Klar ist das Blödsinn. Das weiß ich auch. Aber das Wissen steht ja nicht immer im Einklang mit dem Fühlen.

Ich kann das Gefühl gar nicht so zu 100% benennen. Aber ich weiß, dass ich mich unwohl fühlte und halt irgendwie ein schlechtes Gewissen hatte. Dem Vater gegenüber. Und deshalb bemühte ich mich in der Regel auch immer, die Situation und die persönliche Beziehung zwischen dem Bonussohn und mir aufzuklären. Das Wiederrum fühlte sich auch nicht richtig an, denn es war auch immer ein „kleiner machen“ der Beziehung zwischen Bonussohn und mir. Und das ist ja den Jungs gegenüber auch nicht unbedingt nett und war auch nie meine Intention. 

Mittlerweile ist mir das aber egal. Jetzt lasse ich es halt einfach unkorrigiert. Macht weniger Wirbel, ist unkomplizierter und hat auch einen ganz wichtigen Vorteil. 

 

Schließlich  bewegen wir uns ständig in einer rechtlichen Grauzone, da ich kein Erziehungsberechtigter meiner Bonuskinder bin. Das sind nur Vater und Mutter. Darf ich mit Ihnen zu Veranstaltungen gehen, bei denen die Erziehungsberechtigten als Begleitung dabei sein müssen? Nein, eigentlich nicht! Darf ich ärztliche Informationen erhalten? Eigentlich auch nicht. Dürfte ich zum Elternsprechtag oder zum Elternabend?

 

 Dafür gibt es in Deutschland einfach keine rechtliche Lösung. 

 

Also lebt man als Patchworkvater die gesamte Kindheit bei den Bonuskindern und hat keinerlei Rechte? Und eigentlich ist es dann sogar so, dass man gezwungen ist, die persönliche Beziehung zwischen Bonuskind und Patchworkvater gar nicht offen zu legen, damit es keine „doofen Fragen“ gibt. Warum ist das so? Und wie regeln das Patchworkmütter, die vielleicht noch mehr Zeit mit der Erziehung und Betreuung von Bonuskindern verbringen (ich weiß, altes Klischee, dass wieder die Mütter zu Hause sind und sich kümmern aber es ist einfach leichter es so bildlich darzustellen).

 

Sollte es nicht die Möglichkeiten geben, so etwas ähnliches wie Pflegschaften zu erteilen? Eingeschränkte Rechte, quasi einen Erziehungsberechtigten „light“, eine Vollmacht, damit wir Patchworker nicht in der rechtlichen Grauzone hängen?

 

Liebe Frau Giffey, vielleicht ist das ja mal ein Thema. Zumindest sichert es vielleicht die zukünftigen Wählerstimmen von mehr als 123.000 Wählern der Zukunft. Das Wechselmodell steht jetzt ja bereits zur Debatte. Vielleicht eine rechtliche Lösung für die Patchworkbande auch?

Aber bis dahin gilt:

 

 

„Nicht der Papa! Nicht der Papa! Nicht der Papa!“ - mir doch egal, denn es sind meine Bonussöhne!!!

 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Rolf (Dienstag, 30 April 2019 18:54)

    Du bist halt der soziale Vater. Das ist doch auch okay und vielleicht sogar gut, je nachdem wie das Verhältnis zum biologischen Vater ist.

  • #2

    Doris (Dienstag, 30 April 2019 19:40)

    Hast dumal wieder sehr schön und den “Nagel auf den Kopf treffend“ geschrieben��

  • #3

    Susanne (Sonntag, 05 Mai 2019 14:22)

    Danke für Deinen tollen Beitrag!
    Eine rechtliche Einordnung der Patchworkfamilie wünsche ich mir auch (u. a. familien- u. steuerrechtlich). Vielleicht findet irgendwann ein Umdenken in der Gesellschaft und bei Gerichten statt.