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Tag 39 - Wenn aus zwei Familien dann endlich eine wird

 

Heute soll es mal um das Zusammenschmelzen einer Patchworkfamilie gehen. Viele Patchworkpartner kennen das sicherlich. Am Anfang der Beziehung ist die Lage meist so, dass jeder Partner mit seinen leiblichen Kindern in einer häuslichen Gemeinschaft lebt - mal mehr oder weniger Tage im Monat, je nachdem welchen Modell man für seine Kinder gewählt hat- und der neue Partner erst später dazu kommt. 

 

Das bedeutet, dass der neue Partner in ein bestehendes System einfach dazu kommt. Ein Neuling, ein Fremdling, jemand, der in ein bestehendes Beziehungsgefüge zwischen Kindern und einem Elternteil einbricht . Und unsere Kinder müssen sich dann  „fügen“ und einen neuen „Erwachsenen“ in ihrem Beziehungsnetzwerk „willkommen heißen“. Oder vielleicht auch einfach nur „hinein lassen“ und akzeptieren. Und dies manchmal auch, obwohl sie es gar nicht wollen, weil sie sich mit ihrem Leben nach der Trennung und der Zeit „nur mit Mama“ oder „nur mit Papa“ gut arrangiert haben. Da kann so ein Störenfried durchaus unerwünscht sein.

 

Doch dann kommt irgendwann der Moment, in dem die Patchworkeltern aus zwei Wohnsitzen, aus zwei „Homezones“ nur noch eine machen wollen. Für die Patchworkeltern eine tolle Aussicht: Endlich wieder als Paar einen gemeinsamen Haushalt führen. Nicht mehr ständig die Sachen packen, einen kleinen Umzug durchführen und regelmäßig feststellen, dass die dringend benötigten Gegenstände sowieso wieder in der anderen Wohnung liegen Und ich gebe offen und ehrlich zu, dass ich noch nie in meinem Leben so viele einzelne Socken in meinem Bestand hatte. Es sind wirklich unzählige Sockenpaare auf der Strecke geblieben, die die Beziehung mit zwei Wohnsitzen nicht überstanden haben. 

 

Und endlich auch wieder darüber streiten, wer denn jetzt den Müll raus bringt. Endlich wieder über die Bartstoppeln im Waschbecken aufregen und beim Frühstück diskutieren, von wem die Zahnpastaspuren am Spiegel sind und wessen Haare den Abfluss verstopfen. Und endlich nicht mehr drei Wochen warten müssen, bis man eine Waschmaschine nur mit weißer Wäsche voll bekommt. 

 

Aber was macht das jetzt mit den Kindern, die bei dieser Entscheidung vielleicht sogar nur ein eingeschränktes Mitspracherecht haben? Und wie geht man damit um, wenn eins oder sogar mehrere Kinder gar kein Vorteil darin sehen, ihren Haushalt jetzt mit anderen Kindern zu teilen. Wie geht es den Kindern, die vielleicht in dieser Kombination nur wenige Tage im Monat ein Bestandteil der Patchworkbande sind. Wie kommen die „Gastkinder“ damit klar? Und wie findet man eine gemeinsame Basis als „Eltern“, die gar keine gemeinsamen Eltern sind. Ich will das hier jetzt gar nicht ausdehnen auf die Konstellation, in der nicht nur die Kinder aus den vorherigen Ehen sich anpassen müssen, sondern dann auch noch ein gemeinsames Kind eine dritte Rolle übernimmt. 

Aber dazu später mehr.

 

Wer „gewinnt“ etwas, wenn das gemeinsame Heim gefunden wurde? Wer wird sich am  stärksten umstellen müssen? Und wie geht man mit sicherlich aufkommenden Irritationen und Verstimmungen um?

 

Die „unangefochtenen“ Gewinner auf den ersten Blick sind sicher die „beziehungsführenden“ Erwachsenen. Wir haben unseren Partner (hoffentlich für den Rest des Lebens) gefunden, sind verliebt, sind glücklich, endlich mehr Zeit miteinander zu haben, den Alltag zu teilen und keine doppelte Haushaltsführung mehr zu haben.

Es werdende laufenden Kosten geteilt, gemeinsame Möbel gekauft und der „Neuanfang“ als Paar wird endlich auch wohnlich umgesetzt. Klingt nach einem logischen und unglaubliche positiven Schritt? 

Nach einer gescheiterten Beziehung, vielleicht einer Scheidung, nach der Beerdigung des großen „heile Welt Familien Traums“ endlich der Neuanfang.?!?! 

 

Das bedeutet auch, sich wieder in die gegenseitige Abhängigkeit zu begeben und erneut dass Risiko des „Scheiterns“ einzugehen. Es schwingt das Risiko mit, dass es „wieder“ nicht klappt, dass man danach wieder neu anfangen muss, sich wieder eine neue, kleinere Bleibe suchen muss, sich wieder neue Möbel kaufen und vor allem wieder, Kinder zu verlieren. Und wenn es auch nicht die Eigenen sind, so sind sie einem doch ans Herz gewachsen und werden einem sicher noch mehr ans Herz wachsen, wenn man erstmal unter einem Dach wohnt.

 

Und gleichzeitig geht man ja auch das Risiko ein, dass die Kinder eine erneute Trennung miterleben und dann vielleicht wieder erleben müssen, wie ein geliebter Mensch aus dem Alltag verschwindet, sie alleine lässt, sie „gefühlt“ im Stich lässt.

 

Aber die Perspektive der Kinder will ich an einem anderen Tag beleuchten.

 

Wichtig ist aber, wahr zu nehmen und zu respektieren, dass der Neuanfang bei allen Beteiligten, nicht unbelastet erfolgt. 

 

Vielleicht ist es für den Einen wie der „Phoenix aus der Asche“?

Vielleicht ist es für die Andere auch der letzte Schritt, sich wieder zu öffnen, das letzte Stückchen des eigenen Herzens zu öffnen und sich dem Schicksal „auszuliefern“. Und beide Partner wissen nur zu gut, wie es war, erst vor wenigen Jahren den großen Lebenstraum zu beerdigen und damit kläglich „zu scheitern“. Das Gefühl ist vielleicht noch immer da und nicht abschliessend verarbeitet. Und vielleicht ist das gerade auch ein Thema, dass noch nicht offen und ehrlich zwischen den Partnern besprochen wurde, denn wer hört schon gerne, dass der Partner zumindest ein klitzekleines Stückchen Angst davor in sich trägt, ein gemeinsames zu Hause aufzubauen, weil er oder sie Angst vor dem Scheitern hat? Vor dem vor dem gefühlten Nichts stehen? Und vielleicht auch davor, dass man seine Kinder einer erneuten Nähe aussetzt, die wieder das Risiko birgt, dass die Kinder erleben, wie die Nähe endet?

 

Das klingt jetzt alles sehr negativ? Ja, denn ich selber habe erlebt, dass ich überrascht wurde. Überrascht davon, dass es diese eher vorsichtigen oder kritischen Gedanken sehr wohl gibt. Nennt mich naiv, nennt mich gutmütig oder einfach „nicht lernfähig“. Aber ich habe bis heute nicht über das Scheitern des „zusammen Wohnens“ nachgedacht. Meine Frau hat das sehr wohl. Und mich hat es einfach unglaublich überrascht. Doch gleichzeitig kann ich diese Gedanken jetzt auch sehr, sehr gut verstehen, da ich ihre Geschichte kenne.

 

Unterschiedliche Geschichten, unterschiedliche Erfahrungen, unterschiedliche Ängste. Das muss ich respektieren, das will ich respektieren, denn man muss solche Ängste ernst nehmen. Und jeder hat seine eigene Trennung, die Scheidung der Ehe, das Auflösen des heimischen Nests anderes erlebt und andere „Ängste ausgestanden“. Und bei jedem Patchworker sind anderen Narben nach dem Scheitern der vorherigen Beziehung übrig geblieben. Bei den Einen sieht man sie und sie sind für jedermann sichtbar, bei Anderen sind sie eher verborgen und werden vielleicht sogar vor Blicken geschützt.

 

Mein Rat?

 

Sprecht darüber, redet miteinander, hört dem Anderen aufmerksam zu. Und es ist doch eigentlich so einfach, oder?

Dann gibt es nicht nur Hoffnung sondern sogar den Ausblick auf eine tolle Zukunft. 

 

Trotzdem oder gerade deshalb? 

 

 

Das könnt ihr für Euch entscheiden! Ich jedenfalls freue mich ausnahmslos auf die Zukunft unter einem Dach und ich denke weiter nicht ans Scheitern!

 

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