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Tag 41 - Influencer - Segen oder Fluch?

Die letzten Tage habe ich viel über das Thema Influencer und YouTube, Instagram & Co nachgedacht. Und es lag nicht an Rezo und seiner Zerstörung der CDU. Und ich oute mich hier: Ich habe sein Video gesehen. Von der ersten bis zur letzten Minute. Und ich habe mir lange nicht mehr so viel Zeit am Stück Gedanken über die Lage der Nation, unsere Parteienlandschaft und Politik gemacht.  Das mag auch daran liegen, dass ich ungern „Anne Will“, „hart aber fair „oder andere „politischen Talkshows“ gucke. Es lag aber auch einfach daran, dass ich die Art und Weise des Transports der Botschaften neu und erfrischend fand. Und natürlich trieb mich einfach auch die Neugierde an.

Aber darum soll es gerade ja eigentlich gar nicht gehen. Oder irgendwie doch!?!

 

In der letzten Woche war ich mit meinen beiden Bonussöhnen auf der Ideen Expo. Wem die IdeenExpo nichts sagt: Es ist eine Messe, eine Ausstellung für Kinder und Jugendliche auf dem Messegelände in Hannover. Dort können die Kinder viele Dinge aus der Industrie oder dem Handwerk ausprobieren, können experimentieren und viele wissenschaftliche Dinge auf spielerische Art erkunden. Meine Tochter hatte sogar einen Tag eine Exkursion von der Schule aus dorthin. Alles ist kostenlos und sogar die Gastronomie hat halbwegs kindgerechte Preise. 

Ich war das erste Mal dort und war wirklich beeindruckt, was dort den Kindern und Jugendlichen für „lau“ geboten wird. 

 

Zusätzlich wird die Attraktivität dieses Events mit Konzerten unterstützt. Ebenso kostenlos und draussen. Und ganz am Rande hatte ich mitbekommen, dass auch ein paar sogenannte Influencer die Messe besuchen würden. Das war für mich aber nur so ein Randthema......bis ich mit meinen Bonussöhnen darüber gesprochen habe. Denn sie hatten erfahren, dass der „ConCrafter“ vor Ort sein sollte. Und sie hatten es nicht in der Tageszeitung oder auf Plakaten gesehen oder in der Schule gehört. Nein, sie hatten es bei YouTube erfahren. Und sie wollten ihn unbedingt sehen, am besten ihn treffen und ein Selfie mit ihm machen. DER CONCRAFTER!!!!

Verdammt, ich hatte keine Ahnung wer das war. Eine kurze und sehr oberflächliche Recherche bei Google bracht mir die Info, dass er mit „let´s play Videos“ bekannt geworden ist und mittlerweile auch Comedy Videos macht. Ein netter, junger Mann mit Colgate Lächeln und mächtiger Haartolle. Okay, dann fahren wir da halt hin zum ConCrafter.....

 

Und ob ihr es glaubt oder nicht: Es drehte sich für meine Jungs alles dort nur um ihn. Die Stände waren kaum wichtig, die Pommes durften runter fallen und waren nicht wichtig. Wichtig war nur, rechtzeitig vor der Bühne zu sein, wo er auftreten sollte, und dort zu warten, damit man ihn ja nicht verpasste. Und so saßen wir über 30 Minuten vor Beginn vor der Bühne und waren nicht alleine. Sein Rundgang über die IdeenExpo musste schon abgebrochen werden, weil zu viele Jugendliche ihn quasi verflogt hatten (hatte mein großer Bonussohn über Instagram erfahren). Und jetzt saßen sie alle vor der Bühne. Und es wurden von Minuten zu Minute mehr. Und 10 Minuten vor dem Start ging ein Raunen durch die Menge und 600-700 junge Beine machten sich plötzlich auf den Weg aus der Halle heraus. Es war die Info zu lesen, dass er auf einer anderen, größeren Bühne auftreten würde. Mein erster Eindruck war, dass die Messehalle geräumt werden müsste oder jemand vor der Halle Geldscheine vom Dach werfen musste. Es war ein hektisches Drängeln und Schieben wie zu besten „Take That“ Zeiten. Ich war wirklich sprachlos, mit welcher Energie und welchem Willen sich die „Kiddies“ den besten Platz erarbeiten wollten. Für jemanden, der damit bekannt wurde, in seinem Kinderzimmer Videos zu drehen, wie er Computerspiele spielt. Echt jetzt??? Ja!

 

Und um es kurz zu machen: Auch sein Bühnenauftritt war einem echten Star angemessen. Und das Kreischen der weiblichen Fans auch.  Das kannte ich bisher nur von schwarz-weiß Aufnahmen von 4 Pilzköpfen aus England. 

 

Ich war wirklich fassungslos und hatte damit so überhaupt nicht gerechnet. Und meine Bonussöhne haben dann wirklich fast eine Stunde gekämpft und geduldig gewartet, um ein Selfie mit ihm zu bekommen und nur 1-2 Sätze mit ihm zu wechseln.  Und sie waren danach völlig voller Endorphine und voller Glücksgefühl. 

 

Ich hatte während des Wartens eine kurze Konversation mit einem anderen Vater vor Ort. Er hat es pragmatisch gesehen und war der Meinung, er wäre für Rudi Völler auch stehen geblieben und hätten sich ein Autogramm geholt. Und scheinbar ist es heute halt nicht mehr das Autogramm sondern ein Selfie. Und er ist sich dann weiter die Expo angucken gegangen. Sein Sohn - 12 Jahre - würde sich schon übers Handy bei ihm melden, wenn er fertig wäre. Und dann zog er gelassen weiter.

 

Sind die Influencer also die Vorbilder, die Menschen an denen sich unser Kinder mit orientieren? Neben uns? Ein Rudi Völler, ein Toni Schumacher, eine Nena waren für uns ja auch Idole. Und für sie oder andere „Promis“ damals, hatten wir ja auch die Bereitschaft uns anzustellen, auf Autogramme zu warten oder sogar Briefmarken in Briefumschlägen zu verschicken. 

Doch eigentlich „kannten“ wir unsere Idole ja gar nicht. Okay, „kennen“ tun unsere Kinder ihre Influencer auch nicht. Aber sie haben natürlich einen ganz anderen und auch intensiveren Eindruck von ihren Idolen. Sie sehen sie in Videos, sehen sie im „vermeintlichen Alltag“ mit ihren Stories bei Instagram & Co. Und wir? Wir hatten den Starschnitt aus der Bravo und ab und zu mal ein Bericht in den Zeitschriften oder ein Interview im Fernsehen.

Heute „folgt“ man ihnen auf Schritt und Tritt. Und heute sind es halt nicht die Fußballer, die Popstars oder die TV-Schauspieler sondern die Stars aus den sozialen Kanälen. 

 

Doch ich hatte bis zu dem Tage irgendwie alles, was aus YouTube oder Instagram kam als „nicht ernsthaft“ abgetan. Videos auf YouTube gucken? Das ist TV „zweiter Klasse“. Fotos auf Instagram? Okay, da folge ich den Promis, die mich interessieren aber doch niemanden, der „nur“ viele Follower hat. Und jetzt wo ich das schreibe, kommt mir ein Vergleich in den Kopf. Der Vergleich zwischen „echter, klassischer Musik“ und „Pop Musik“. Auch hier wurde ein Trend von der älteren Generation als nicht „ernsthaft“ gesehen, nicht anerkannt. Wer wirklich sein Instrument beherrschte, der spielte in einem Orchester und nicht in einer Band.

 

Und wenn ich bei AOL ("Bin ich schon drin?" - Oh, danke Boris!) einen Chat startete und mich mit „fremden Menschen“ tippend unterhielt, dann war das für meine Eltern auch keine „Unterhaltung“. Und jetzt? Jetzt sehe ich die Influencer und habe sie bis vor kurzem auch nicht ernst genommen.

 

Doch jetzt habe ich gesehen, welche Macht sie haben, welche Faszination sie auf die junge Generation ausüben und wie viel nahbarer sie sind. Der ConCrafter hat wirklich die Geduld gehabt, mit jedem vor Ort ein Selfie zu machen. Stundenlang ins Handy lächeln. Ohne ein Buch zu verkaufen oder eine Platte zu vermarkten. Und die Leute vor Ort waren schon vorher seine „Follower“.  Das ist ernsthafte Fantreue. Das ist natürlich auch Vermarktung. Aber gute Vermarktung. Und das ist nahbarer als „meine“ Idole waren. Und es ist nicht nur „Unterhaltung zweiter Klasse“. Und da schließt sich der Kreis zu Rezo Ich habe mir sein Video angesehen. Anne Will nicht. Er ist bei Twitter aktiv und Anne Will auch. Ihm folge ich jetzt.....ihr nicht.

 

Und ich habe viel gelernt. Vor allem habe ich gelernt, dass ich nicht den Fehler meine Eltern machen werde. Ich werde von meinem hohen Ross runter kommen und ich werde die „Idole“ meiner Kinder ernst nehmen. Und ich werde mich damit auseinandersetzen, es nicht mehr milde belächeln. Denn diesen Respekt haben sie verdient. Egal ob ich es inhaltlich gut finde oder nicht.

 

 

Und diesen Respekt haben vor allem meine Kinder verdient. Denn Kinder brauchen Idole. Egal, wo sie her kommen. Und wir Eltern müssen doch wissen, wem sie folgen, oder?