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Tag 43 - Vaterfigur

Zeitsprung ins Jahr 1987.

 

Mein Kassettenrekorder und ich.

 

Dolby B oder Dolby C Aufnahme?

 

Ein BASF Chrome Maxima II Tape und die Stimme von „Mr. 3-Tage-Bart „George Michael aus der Stereoanlage mit seinem Album „Faith“. Damals war ich selber noch mitten in der Orientierung als Jugendlicher und voller Bewunderung für den ach so coolen und männlichen George Michael.  Mein absolutes Lieblingslied auf dem Tape war aber „Father Figure“.  Und ich war sicher nicht der Einzige damals, der im Refrain was anderes als „Figure“ gehört, sich ein pubertäres Grinsen weggedrückt und dann aber weiter gehört hat und von dem Song fasziniert war.  Und ich konnte nie so richtig erklären, was mich an dem Song so gepackt hat.

 

Okay, genug Exkurs jetzt in meine Kassettensammlung. Warum aber dieser Exkurs? Weil ich in den letzten Tagen immer wieder in den Gedanken bei dem Wort „Vaterfigur“ gelandet bin. Und auch hier wieder: warum das denn jetzt?

 

Es hat mehrere Gründe. Einer der Gründe war, dass wir das gute Wetter genutzt haben und im Freibad waren. Als Patchworbande. Und die beiden Jungs hingen nicht nur bildlich wie Kletten an mir. Da ging es ums Kräfte messen, um die körperliche Nähe, ums ins Wasser geschmissen werden, das Untertauchen und alles mögliche, was ich aus meiner eigenen Kindheit noch so kannte. Und es war so ganz anderes als die Freibadausflüge mit meiner Tochter. 

Und mir wurde dann auch klar warum. Es geht eben um die „Father Figure“, um die Vaterfigur. Und ich habe hier ja schon oft die Rolle des „väterlichen Freundes“ (meine Autokorrektur hat da gerade „väterlicher Feind“ draus gemacht. Sie nimmt die Hochzeit der Pubertät wohl vorweg) angesprochen. Und väterlicher Freund klingt irgendwie auch sperrig. Und nach dem Besuch im Freibad kam mir dann das Wort „Vaterfigur“ in den Kopf. Ein Wort, das ich im Deutschen eigentlich nur aus Interviews kenne, wenn es darum geht, dass ein anderer Mann die Rolle des Vaters im Leben eines Menschen übernommen hat. 

 

Und da wird es jetzt spannend, denn ich „übernehme“ die Aufgabe ja nicht wirklich. Es gibt ja noch einen Vater. Er ist nur nicht so präsent im Alltag. Kann es also zwei Vaterfiguren im Leben geben? Warum nicht, oder? Auch das ist ein Satz, der mir im Zusammenhang mit dem Begriff der Vaterfigur einfällt: „Wer war wie ein Vater für mich“. Und hier ist mir die Wortwahl sehr wichtig. Der Satz heißt ja nicht: „Er hat sich wie ein Vater verhalten“ sondern „Er war wie ein Vater für mich“.

Was meine ich damit? Dass die Kinder die Entscheidung treffen, an wem sie sich reiben, an wem sie sich orientieren, wer also in ihrem Leben die Rolle einer „Vaterfigur“ übernimmt. Warum ist mir das so wichtig?

Weil ich niemanden „verdrängen“ möchte. Ich möchte dem leiblichen Vater nichts wegnehmen. Das ist mir irgendwie wichtig. Vermutlich, weil ich ja bei meiner Tochter das auch auf gar keinen Fall wollen würde, dass ein neuer Mann meine Rolle übernimmt und ich dann nicht mehr die „Vaterfigur“ übernehmen würde. Da spielen also meine eigenen Ängste eine Rolle..

 

Ein paar Tage nach dem Freibadtag kam das Thema dann erneut hoch. Ich hatte das Auto voll mit meinen Bonussöhnen und Klassenkameraden vom „Großen“ und es kam die Frage von einem seiner Freunde: „René, warst Du mal bei einem Elternsprechtag?“. Mein spontane und impulsive Antwort war: „Nein, wie der Name schon sagt, ist es ja ein ELTERNsprechtag.“.

Bekloppt, oder? Kaum war es raus habe ich mich auch schon gefragt, wie sich das für meine Bonussöhne anfühlt, dass ich diese Verantwortung so deutlich von mir weise. Auch diese Reaktion war nur der Tatsache geschuldet, dass ich dem leiblichen Vater seine Rolle nicht streitig machen wollte.

 

Ich habe dann zurück gerudert und habe meinem Bonussohn deutlich gesagt, dass ich gerne zum Elternsprechtag gehe, wenn er sich das wünscht.  Und vermutlich wird das am Ende sogar ganz normal, denn der Vater wohnt ja 2 Stunden entfernt.

 

Und da ist das Wort wieder: „Vaterfigur“. Und ich finde, dass das ein toller Begriff in der Patchworkwelt ist, denn die Rolle der Vaterfigur wählt immer das Kind oder der Jugendliche. Dieser entscheidet, ob er jemanden als Vaterfigur sieht, sich an ihm orientiert oder nicht. Und er (oder sie) entscheidet auch selber, ob es einfach zwei Vaterfiguren im Leben gibt.

 

Das bedeutet, ich verdränge dort niemanden. Ich nehme nicht „gewaltsam“ den Platz von jemandem ein. Diese Entscheidung treffen unserer Kinder selber. Aus dem Bauch heraus. Und das kann ich gut akzeptieren. 

 

Dann kann ich mich selber frei machen von dem Gedanken, dass ich jemanden den Platz, die Rolle weg nehme. Das macht es mir sicherlich um vieles einfacher, die Rolle mit einem reinem Gewissen zu übernehmen. Und vor allem dankbar! Dankbar, da es eine große Ehre ist, die Vaterfigur für einen anderen Menschen übernehmen zu dürfen. Und eine noch größere Ehre, da ich diese Rolle nicht per Gesetz „angedient“ bekommen habe.

 

Daher, danke George, danke BASF Chrome Maxima II Tape. Ein alter Begriff erlebt bei mir eine Renaissance. Und der Song wird jetzt sicher öfter bei mir laufen. Und heute habe ich auch meine eigene Interpretation davon, warum das Album Faith hießt. Vertrauen und Glaube sind sicherlich die wesentlichen Eckpfeiler dafür, dass meine eine Vaterfigur sein darf. Und wer Vertrauen geschenkt bekommt, darf dieses niemals mißbrauchen. 

 

Und die wesentliche Erkenntnis für mich ist, dass Man(n) eigentlich niemanden „verdrängen“ kann. Die Kinder treffen ihre Wahl und man kann ihre Wahl nur geehrt annehmen und sie nach bestem Wissen und Gewissen ausfüllen.

 

Und was denkt ihr? Über den Song? Über die gute alte Zeit der Kassetten? Und über den Begriff der „Vaterfigur“?

 

Ich suche jetzt meine Pilotensonnenbrille und meinen 3-Tage-Bart.....und feiere die 80er ganz kurz....

 

 

P.S.: Auf dem Album war übrigens auch der Titel „I want your sex“. Da soll sich noch mal einer über Vincent beschweren.....