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Tag 45- Neue Regeln braucht das Land

Jetzt sind wir knapp 2,5 Wochen im neuen Heim und eigentlich ist alles gut. Eigentlich? Eigentlich!

 

Ich hatte mir vorher viele Gedanken über das gemeinsame Heim gemacht. Viele schöne Gedanken und sicher auch ein paar skeptische. Aber im Großen und Ganzen hatte die Aussicht auf gemeinsame Zeit, auf eine gemeinsame Familie doch deutlich überwogen.

 

Wir hatten geplant, wer wo sein Zimmer bekommt, hatten dafür gekämpft, dass der ausgebaute Dachboden (ab jetzt nur noch „das Penthouse“) eine eigene Tür bekommt, damit mein Töchterchen auch ihr eigenes, abgeschlossenes Heim bekommt, in das sie sich zurück ziehen kann, wenn es ihr zu trubelig wird. Wir hatten uns darüber Gedanken gemacht, ob wir dann nicht Gefahr laufen, dass sie sich auf den Dachboden abgeschoben fühlt, hatten gemeinsame Fußböden ausgesucht und selbst dabei auf Fairness und Harmonie unter den Kindern geachtet. Wir hatten Pläne für das Badezimmer morgens gemacht, damit jeder pünktlich aus dem Haus kommt.

 

Wir hatten uns über so viele Dinge Gedanken gemacht, dass wir eins total vergessen hatten. Dass aus zwei eingefahrenen (oder positiv: eingespielten) Familiensystemen mit eigenen Tagesabläufen, Regeln und Ritualen nicht einfach so eine neue wird. Und so haben wir auch gleich damit angefangen, dass wir mehr oder weniger ausgeprägt so weiter gelebt haben, wie vorher. Also bei mir galten die Regeln, die bei meiner Tochter und mir galten und bei meiner Frau und ihren Jungs, war das ähnlich. Und so nutzten wir gar nicht die Gelegenheit, dass jetzt jedes Kind sein eigenes Zimmer hat, um uns mal das Wohnzimmer für die Eltern zurück zu erobern. Wir warteten weiter darauf, dass die Kinder endlich im Bett waren und überliessen Ihnen bis dahin quasi das ganze Haus. Zur freien Verfügung. Es sollte sich ja jeder und vor allem die Kinder wohl fühlen.

Und das ist ja irgendwie auch nachvollziehbar. Wenn meine Tochter alle  zwei Wochen mal bei mir war, dann fiel es mir leicht, mich da zurück zu nehmen. Ich hatte ja zwischendurch immer mal wieder „sturmfrei“.  Und bei meiner Frau gab es vorher keine Chance, sich wirklich zurück zu ziehen. Beide Jungs teilten sich ein Zimmer, es gab nur den einen Fernseher im Wohnzimmer und an dem war dann auch die Konsole angeschlossen und wie ich bereits berichtet habe, war es damit Lebensmittelpunkt und zeitweise Lebenszweck.

 

Und so kam es, wie es kommen musste. Ich fühle mich irgendwie „zu Besuch“ hier.  Jetzt steht hier zwar ein zweiter Fernseher und eine zweite Konsole aber trotzdem wird das Wohnzimmer ganz in alter Gewohnheit von den Kindern in Beschlag genommen. Sicher auch, weil sie es geniessen, endlich mal eine große Familie zu haben und weil sie einfach dabei sein wollen. Weil wir Ihnen jetzt nach über fünf Jahren endlich das bieten, was sie sich teilweise so lange herbei gesehnt haben. Und natürlich ist das toll.

 

Doch wir als Paar drohen dabei  auf der Strecke zu bleiben, irgendwie. Und ich sitze hier, sehe „meine Möbel“ vor mir, sitze an dem gleichen Esstisch, den ich in meiner alten Wohnung hatte, und bin trotzdem nicht zu Hause. Ich beobachte meine Frau und ihre Jungs und erlebe, wie die gleichen Regeln wie in der „Dreier Konstellation“ gelten. So, als ob ich gar nicht da bin. Und da ich dabei nicht „mitspielen“ darf, bin ich auch nicht „mittendrin“ oder gar dabei. Ich bin ein fünftes Rad am Wagen. Seltsam und sicher auch ungerecht aber so fühlt es sich gerade halt mal an. Und ein Blog, in dem immer eitel Sonnenschein herrscht, will ja auf Dauer auch keiner lesen.

 

Aber wir haben zu zweit darüber gesprochen und dabei ist das Ganze eigentlich erst aufgefallen. Jeder hat irgendwie so weiter gemacht, wie zuvor. Und das ändern wir jetzt. Langsam und mit Bedacht. Aber wir ändern es! Und dasTtolle ist: Es gab volles Verständnis von uns Beiden. Wir waren und sind nicht immer einer Meinung aber wir versuchen immer und immer wieder, den Standpunkt des Anderen zu verstehen und akzeptieren uns so, wie wir sind. Und wir wissen, dass ein gemeinsames Ziel zu erreichen auch „Arbeit“ bedeutet. Daher wird es neue Regeln geben, wir werden es zu unserem zu Hause machen als Patchworkbande. Und jeder wird seinen Teil dazu beitragen dürfen und müssen. Und wir werden als Eltern mehr reden und uns die Zeit dafür auch nehmen und uns Zeit und Raum für „uns“ zurück erobern. 

 

Daher meine ganz klare Empfehlung an alle Patchworker, die den nächsten Schritt auch angehen wollen. Macht Euch gleich am Anfang klar, dass ein neues, gemeinsames „zu Hause“ nur dann auch als solches funktionieren kann, wenn man alle mit einbindet und gewohnte Regeln oder Abläufe plötzlich in Frage gestellt werden müssen. Das sorgt vielleicht im ersten Moment wieder für mehr Unsicherheit aber nur so gelingt ein gemeinsamer Neustart. Und zu einem Neustart gehören ja irgendwie auch neue Regeln, neue Wege. Sonst wäre es ja gar kein Neustart, oder?

 

 

Also, neue Regeln braucht das (Patchworkbanden)Land!