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Tag 47 - Erziehung einer Patchworkbande

Ich denke jeder, der Kinder hat, kennt das Problem, dass man sich als Eltern zwar einig war, ein Kind zu bekommen aber wenn es dann da ist, beginnt die lange Zeit der regelmäßigen Uneinigkeit. Uneinigkeit über Erziehungsmethoden, über Grenzen, über Strafen, über Ernährungsbausteine, über „jedes Kind kann schlafen lernen“, über das passende Schulsystem und über wer weiß nicht alles.

 

Erstaunlicherweise habe ich das so erlebt, dass die Mutter meiner Tochter und ich uns während der Schwangerschaft eigentlich in vielen Dingen einig waren. Erst als das kleine Wunder dann aber wirklich frische Luft geatmet hat, die kleine Augen geöffnet hat und die ersten Windeln vollgekackt hat, begann eine Veränderung. 

 

Ich kann heute nicht erklären, woran es lag, doch das, was vor der Entbindung alles als ganz logisch und normal erschien, wurde plötzlich hinterfragt und aus einem ganz anderen Blickwinkel gesehen. Aus einem Paar waren nun Eltern geworden und jeder hatte beim Wechsel seines Blickwinkels vielleicht ein wenig den eigenen Standpunkt mit verändert.

 

Und schwups hat man das, was unsere lieben Kinder dann so wunderbar ausnutzen können: Eltern, die sich in der Erziehung nicht immer einig sind. Ein wunderbares Spielfeld für unseren Nachwuchs und eine wichtige Lektion im Leben zum Thema "wie bekomme ich, was ich will?"

 

Und zumindest in meiner Wahrnehmung war es so, das der Unterscheid von Kindergeburtstag zu Kindergeburtstag größer wurde. Gut, am Ende kam es ja auch zur Trennung, so dass es rückblickend betrachtet nur logisch erscheint.

 

Aber wie entwickelt sich das in einer Patchworkfamilie? Hier haben ja beide Partner meist schon den Schritt zum „Erziehungsberechtigten“ gemacht. Ist Euch mal aufgefallen, dass das Wort wirklich spannend gewählt ist? Es heißt nicht „Erziehungsbefähigter“ oder „Erziehungsmächtiger“ sondern nur „Berechtigter“. Spannend, oder? Da hat man recht früh erkannt, dass wir zwar grundsätzlich zur Erziehung berechtigt aber nicht unbedingt befähigt sind. Ein Schelm, wer hier böses glaubt.

 

Wir sind also ein Paar und wir haben bereits im bisherigen Leben erlebt, dass man vielleicht doch ein Ü-Ei kauft, wenn das Kind vor der Supermarktkasse auf dem Boden liegt und den ganze Supermarkt zusammenschreit. Oder wir haben es durchgestanden und haben über die Lautsprecheranlage des Supermarktes unser Kind zum Kauf angeboten? Wir haben unsere mehr oder weniger praxiserprobte Erziehungsmethoden und Regeln. Und wir lieben unsere von der Trennung betroffenen Kinder natürlich auch weiterhin abgöttisch und wollen ja auch, dass sie sich in der neuen Patchworkwelt wohl fühlen. 

 

Und wir leben plötzlich auch mit Kindern zusammen, die wir nicht gezeugt, nicht auf die Welt gebracht und nicht mit der Entbindung bedingungslos ins Herz geschlossen haben. Und was bedeutet das?

 

Es bedeutet, dass nicht nur zwei durchaus etablierte Erziehungsstile zusammen prallen, sondern auch jeder der Erwachsenen vielleicht etwas unterschiedliche Perspektiven auf Situationen hat, denn es gibt einmal die leiblichen Kinder und einmal die Bonuskinder. Und am Ende macht das Herz gerade am Anfang vielleicht doch einen klitzekleinen Unterschied. Logisch, oder? Meine Tochter habe ich vor fast 13 Jahren ins Herz geschlossen, weil sie mein kleines Wunder war und ist. Und sie hat meine Liebe vorbehaltlos angenommen und entsprechend zurück gegeben. Sie hatte ja nur uns, ihre Eltern.

 

Meine Bonuskinder habe ich vor fünfeinhalb Jahren erst kennen gelernt und sie hatten bereits die Trennung vom Vater erlebt. Vorbehaltlos ist das auf gar keinen Fall, denke ich. Und auch ich habe mich ja zuerst in ihre Mutter verliebt und habe danach die Jungs Stück für Stück ins Herz geschlossen. Das Gefühl ihnen gegenüber kann also gar nicht identisch sein zu dem Gefühl für meine Tochter. Das ist keine „mehr oder weniger“ Bewertung. Sie sind in meinem Herzen und ich würde für die Beiden durchs Feuer gehen, doch trotzdem ist es anders.

 

Und dieses etwas andere Gefühl sorgt dann auch für eine etwas andere Bewertung von Situationen und natürlich auch für eine andere Reaktion. Man handelt nicht immer „gerecht“, vielleicht. Nicht aus Bösartigkeit sondern auf Grund der etwas anderen gemeinsamen Historie und der etwas anderen Perspektive.

Und das passiert in der Patchworkbande gleich doppelt. Denn auch meine Frau kennt meine Tochter erst seit fünfeinhalb Jahren und hat auch etablierte Erziehungsmethoden.....

 

 

Und so muss man sich in einer Patchworkkonstellation noch viel mehr „finden“, mehr darüber reden, und mehr einheitliche Regeln schaffen, als in einer „konventionellen“ Familie. Das spüren wir zur Zeit sehr deutlich. Ich halte auch auf dem Laufenden.